Pauline von Kalckreuth

Gräfin, Kunstmalerin.
Geboren 19.10.1856 in Düsseldorf,
gestorben 8.5.1929 in München

Pauline von Kalckreuth war von Anbeginn der anthroposophischen Bewegung eine der wichtigsten Tragpfeiler der Gesellschaft. Wie wichtig sie für diese junge Gesellschaft war, erschließt sich eigentlich nur durch die Mitteilungen von Marie Steiner. Welche Persönlichkeit sie war, das beschreibt Andrej Belyj in seinem Buch „Verwandeln des Lebens“. Gäbe es diese beiden Beschreibungen nicht, man wüsste heute kaum etwas über Pauline von Kalckreuth, außer ihren Namen, der in vielen Beschreibungen von zahllosen Autoren über die damalige Zeit geannt wird. Was sie in wirklichkeit für die Anthroposophische Gesellschaft war und was sie geleistet hat, das sspricht Marie Steiner deutlich aus: „Pauline von Kalckreuth kann als einer der Tragepfeiler in dem Aufbau unserer werdenden Gesellschaft betrachtet werden; die Kraft der Hingabe, die sie in sie hineingegossen hat, bleibt bestehen, … denn sie ist in das Mark der Gesellschaft eingedrungen. Hätten wir viele Leute mit dieser Fähigkeit des geduldigen Tragens und der Aufopferung, wir wären ein mächtige Gesellschaft. … Ihre Liebekräfte konnte sie zu Erkenntniskräften umwandeln. … Ihr eigenes künstlerisches Schaffen hatten sie aufgegeben, um ungeteilt der Arbeit für die Anthroposophie leben zu können.“ (Marie Steiner, Nachruf in: Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 26.5.1929) – Der Plural „hatten sie“, bezieht sich auf die unzertrennlichen Persönlichkeiten Sophie Stinde und Pauline von Kalckreuth, die in München gewirkt haben. Über diese Zweiheit Stinde-Kalckreuth schreibt Andrej Belyj, dass Stinde und Kalckreuth eine „rituelle Bruderschaft“ hätten. Sie „stellten eine ‚zweieinige‘ Person dar: ‚Stinde‘ und ‚Kalckreuth‘, ‚Denken‘ und ‚Wollen‘ – bar alles Fühlens – und ‚Fühlen‘, unwahrscheinlich nuanciert und blühend im schönsten Sinne … die Gräfin Kalckreuth aber war ‚Gefühl‘ ohne eine Spur von Sentimentalität: Gefühl, das bis zur reinen geistigen Form erhöht und auf dem esoterischen Pfad geläutert worden ist.“
    

Beide, Stinde und Kalckreuth, waren Malerinnen und beide haben ihre künstlerischen und persönlichen Ambitionen ganz der Anthropsosophie gewidment. Sie haben so bedingslos geopfert, dass daraus eine Kraft erstand, durch die vieles erst ermöglicht wurde. Denn ohne diese beiden Persönlichkeiten, Stinde und Kalckreuth, gäbe es weder die Mysteriendramen, noch den Johannesbau bzw. das spätere erste Goetheanum, so wie man es heute kennt. Dazu  heißt es im Nachruf auf Pauline von Kalckreuth von Marie Steiner: „…Das Übermaß der an ihn (Rudolf Steiner) gestellten Forderungen hätten ihn anderers verrichten lassen, hätte diese Realisierung vielleicht verhindert…“ Es waren gerade die unspektakulären, oft undankbaren und doch so essentiellen Aufgaben der Organisation und der Vorbereitung, die die beiden übernahmen und dabei durch ihre Tatkraft, Beharrungsvermögen und Treue zur Anthroposophie die Verwirklichung erst ermöglichten. Und in einem Brief von Marie Sivers an Schuré kann man lesen: „Für die Karten (zur Aufführung des Dramas „Kinder des Luzifer“ von Schuré) braucht man sich nur an die Gräfin Kalckreuth zu wenden … Die Damen sind einzig in ihrem Eifer und ihrer Hingabe. Sie machen alle Arbeit, die man nicht sieht.“ Dieser unscheinbare Hinweis auf die Arbeit, die man nicht sieht, ist es, der die wirkliche Arbeit von Kalckreuth am besten beschreibt. Zu ihren Aufgaben gehörte denn auch der Umgang mit den „Verrückten und Kranken“, der „gescheiterten oder verirrten Existenzen“, die den Doktor wochenlang belagern (Lindenberg, Chronik, S. 284). Es war Sophie Stinde, die den Gedanken einer Errichtung eines eigenen Baus für die Mysteriendramen in München aussprach. Und Kalckreuth schloss sich diesem kühnem Plan sofort an. Dass dieser Impuls letztlich in die Tat umgesetzt werden konnte, ist auf den persönlichen Verzicht ihrer Laufbahnen als Malerinnen begründet und durch den Verzicht gewonnen höheren künstlerischen Urteilskraft, die sich in einer bedingunslosen Tatkraft für die moderne Mysterienkunst umgewandelt hat. Marie Steiner schreibt dazu: „Sie (Stinde) und Gräfin Kalckreuth schritten tapfer der Realisierung dieses Gedankens (der Errichtung des Johannesbaus) entgegen, der uns zunächst erschreckte, den wir fast zu kühn fanden, … Alle vorbereitende und organisatorische Tätigkeit wurde wiederum von beiden Freundinnen geleistet. Und als der Bau nicht in München, sondern in der Schweiz errichtet werden musste, hielt kein Bedenken sie zurück, dieselbe Liebe und Kraft dem Bau … zu widmen.“
    

Der feinsinnige Andrej Belyj beschreibt Pauline von Kalckreuth  folgendermaßen: „Hochgewachsen, hager, unglaublich durchgeformt, mit einer Gesichtsfarbe, die zuweilen einen purpurnen Lichtschein ausströmte, mit sehr großen, strengen, blauen Augen und einem Engelslächeln um den kleinen rosafarbenen Mund, ohne ein einziges graues Härchen, in rosafarbener oder purpurner Tunika mit einem Kreuz auf der Brust, schien sie mir in ihren besonders strahlenden Augenblicken nicht aus dieser Welt, wie aus dem Paradies zu kommen, alterslos, ein junges Mädchen; dabei war sie, als wir uns kennenlernten, bereits über fünfzig, Freundin und Förderin des Münchner Zweiges, eine ‚Maria‘, die als ‚Zweite Martha‘ waltete: Stinde und Kalckreuth oder Kalckreuth und Stinde. Etwas war merkwürdig: in den Augenblicken des Leuchtens bekam die Kalckreuth ein Engelsgesicht, aber ihre Augen weiteten sich und wurden streng, ich hatte den Eindruck, dass ihr Blau sich bis zum Blauschwarz vertiefte; und aus ihnen blickte mich die strenge Stinde an; während das strenge, nüchterne, unschöne Gesicht von Stinde verschwand, wenn man ihr in die Augen schaute: man versank in dem taubensanften gütigen Blick; aus diesen Augen blickte die ‚gütige‘ Kalckreuth; und noch etwas: Kalckreuth war lang, überlang, blond, rosig; die Stinde dagegen klein, eckig, grauhaarig, bläulich-blass, übermüdet, mit blauen Schatten unter den Augen; man kann sich Sophie Stinde nicht anders als in blauer Tunika und Stola vorstellen, und Gräfin Kalckreuth in Purpurrosa; in beiden lebte etwas Weisses, Weiss, Azur, Purpur schlossen sich in ihnen zu einem ‚esoterischen‘ Dreieck zusammen; und dieses Dreieck … erlebte ich als Krippe, in die der Doktor den Christusimpuls hineinlegte. …(Er) manifestierte sich in Stinde-Kalckreuth als die sozial Tatsache einer christlichen Gemeinschaft und machte München … heimatlich und vertraut; und man wusste nicht, wer zu dieser ‚Alchemie‘ den auslösenden Impuls gab: Sophie Stinde den Impuls der überlegenen, weisen Bewältigung der Arbeitslast an Grafin Kalckreuth oder Gräfin Kalckreuth den Impuls der die Arbeit durchleutenden Liebe an Stinde. Auch Gräfin Kalckreuth arbeitete Tag und Nacht; selbstverständlich wohnte beide Freundinnen zusammen, in dem rosaroten Haus der Kalckreuth (Adalbertstraße 55, 3. Stock, rechts, in München. Der Zweigraum war im Paterre, links).“ In der Wohnung der beiden lebte und arbeite Rudolf Steiner während der Müchner Zeit, hielt Vorträge, und dort entstanden auch die Mysteriendramen.
  

Pauline von Kalckreuth war die vierte Tochter des 1894 verstorbenen Direktors der Kunstschule in Weimar, des Landschaftsmalers Prof. Stanislaus Grafen von Kalckreuth. Sie war eine Hofdame bei der Kaiserin Friedrich (1840 – 1901), einer Tochter von Victroria von England und Mutter von Kaiser Wilhem II. Die Kaiserin war sehr liberal, kunstsinnig und war selbst eine begabte Malerin. Gegenüber Bismarck nahm sie eine konträre Position ein und beinflusste ihren Gemahl Kaiser Friedrich dementsprechend. Aufgrund ihrer Ausbildung als Hofdame war Pauline von Kalckreuth hochgebildet und sprach sicherlich fließend französich und englisch. Belyj schreibt: „Sie war eben eine ‚Ehemalige‘: zu meiner Zeit unterhielt sie keine Beziehungen mehr zum Hof; und es war völlig unmöglich, sie sich außerhalb des Münchner Zweiges vorzustellen, ohne Eintrittskarten, die sie zu verteilen, ohne Adressen die sie zu schreiben hatte, ohne helfenden Sorge umd die anderen; sie war immer in Geldnot, denn sie opferte der Sache und ihren Freunden alles, was sie besaß.“
    

Pauline von Kalckreuth war schon, bevor sie Rudolf Steiner traf, Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und war von Anbeginn der Anthroposophischen Gesellschaft Mitglied. Sie war eine persönliche, esoterische Schülerin Steiners und bei der Grundsteinlegung des ersten Goetheanums 1913 einer der sieben Persönlichkeiten, die Rudolf Steiner den Spaten reichten. Sophie Stinde war ebenfalls als „Mithandelnde“ anwesend. Später schnitzte von Kalckreuth an den Architraven des ersten Goetheanums. Als Belyj einmal einen Wutanfall bei der harten Arbeit bekam, sagte sie, nachdem er sich wieder beruhig hatte: „Das macht nichts. Das Barometer ist gefallen.“ Und Belyj berichtet: „Ich brauchte mich vor ihr nicht zu genieren, da ich persönlich gesehen und gehört hatte, wie die vornehme, ausgeglichene alte Dame den Hammer gegen ihre Form feuerte, mit der sich nicht fertig werden konnte, und zu schreien anfing; sie rebellierte gegen den Doktor: ‚Er hätte es wenigsten richtig erklären können!‘… ich sprang mit einem Satz vom Gerüst, lief zu ‚ihrem‘ Architrav, reichte ihr ehrerbietig den Arm und half ihr wortlos vom Gerüst …“
    

Am 31. Dezember 1923 bat Pauline von Kalckreuth um die Aufnahme in die „neugestaltete anthroposophische Gesellschaft“, Rudolf Steiner schrieb auf diesen Brief ein kurzes und schwungvolles „ja“. Und auf einem Stempelabdruck daneben heißt es lapidar „erledigt“.
    

Als Sophie Stinde am 17.11.1915 in München starb, wurde es einsam um Pauline von Kalckreuth. Noch einsamer, als Rudolf Steiner 1925 starb. „Sie fand sich nicht mehr zurecht in der neuen Welt; sie vermisste so vieles von dem, was ihr notwendige Lebenssubstanz schien, selbst in unserer Bewegung.“ (Marie Steiner, im Nachruf) Am 10.5.1929 steht in den „Müncher Neuesten Nachrichten“: „Pauline Gräfin von Kalckreuth tödlich verunglückt. Die jüngste Schwester des berühmten, im Dezember vorigen Jahres gestorbenen Malers Leopold  Grafen von Kalckreuth, des Präsidenten des Deutschen Künstlerbundes, die Kunstmalerin Pauline von Kalckreuth …ist am Dienstag abend in der Adalbertstraße, Ecke Türkenstraße tödlich verunglückt. Die Künstlerin wollte die Straße überqueren und wurde dabei von einer Radfahrerin angefahren. … Die Verunglückte, die eine Schädelbruch erlitten hatte, wurde in das Krankenhaus Schwabing gebracht, wo sie starb.

Karl Lierl