4. Siegelbild: Die zwei Säulen Jachin und Boas

Siegel IV stellt unter anderem zwei Säulen dar, derens eine aus dem Meer, die andere aus dem Erdreich aufragt. In diesen Säulen ist das Geheimnis angedeutet von der Rolle, welche das rote (sauerstoffreiche) Blut und das blaurote (kohlensäuerereiche) Blut in der menschlichen Entwickelung spielen. Das menschliche Ich macht im Erdenkreislauf seine Entwickelung dadurch durch, dass es sein Leben physisch zum Ausdrucke bringt in der Wechselwirkung zwischen rotem Blut, ohne das es kein Leben, und dem blauen Blut, ohne das es keine Erkenntnis gäbe … Beide in ihren Zusammenwirken stellen dar den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens, oder auch die beiden Säulen, auf denen sich das Leben und das Erkenntnis des Ich fortentwickeln bis zu jenem Vollkommenheitgrade, wo der Mensch eins werden wird mit den uiversalen Erdenkräften. Dieser letzere Zustand der Zukunft kommt auf dem Siegel durch den Oberleib zur Anschauung, der aus Wolken besteht, und durch das Gesicht, das sich die geistigen Kräfte der Sonne angeeignet hat. Das Wissen wird dann der Mensch nicht mehr von außen in sich aufnehmen, sondern in sich verschlungen haben, was in dem Buche in der Mitte des Siegels angedeutet ist. Erst durch solches «Verschlingen» auf höhere Daseinsstufe öffnen sich die 7 Siegel des Buches, wie sie… auf Siegel 3 angedeutet sind. In der Offenbarung St. Johannis findet man darüber die bedeutungsvollen Worte: «Und ich nahm das Büchlein aus der Engels Hand und verzehrte es …»

Unsere Erdentwickelung beruht auf zweierlei. Unserer Erde ist vorangegangen dasjenige, was wir nennen den Kosmos der Weisheit, und ihm ist vorausgegangen dasjenige, was wir nennen den Kosmos der Stärke, der Kraft. Weisheit und Stärke ist es, was die Erde als Erbschaft von früheren Entwickelungsstufen, vom alten Mond und der alten Sonne übernommen hat. Das kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß wir die erste Hälfte der Erdentwickelung nach dem Vertreter der Sonnenkraft, dem Mars, benennen. Wir sehen im Mars den Bringer von Stärke. Und in dem, was die zweite Hälfte der Erdentwickelung beherrscht, haben wir den Stellvertreter der alten Mondenentwickelung, den Merkur, welcher der Erde die alte Erbschaft des Mondes, die Weisheit einverleibt. So setzt sich uns die Erdentwickelung zusammen aus Mars- und Merkurentwickelung. Die Erde selber, soll hinzubringen die Liebe durch ihre Mission. Diese Liebe soll sich herrlich offenbaren. In der ältesten atlantischen Zeit war der Mensch noch für das Wasser gebaut. In der Mitte der Atlantis erst ist er so weit, dass er sich dem Wasser entreißt und den festen Boden betritt. Bis zu der Zeit, wo die Erde in der Mitte ihrer Entwickelung war, müssen wir das Wasser ebenso als den Träger der menschlichen Entwickelung auffassen wie später die feste Erde. Bis zur Mitte der vierten Periode sprechen wir von den Marskräften, von den Kräften, die sozusagen das Wasser gibt, und wir sprechen von den Merkurkräften in der späteren Zeit, wo die feste Erde die Stützkräfte gibt. Das gliedert sich so recht zusammen in die Vorstellung, dass der Mensch gestützt wird in seiner ganzen Erdenmission durch zwei Säulen. Und über ihnen symbolisiert sich dasjenige, was durch die Erde selber erreicht werden soll: die Liebe, die sich darlebt, herrlich sich offenbarend, die gestützt wird durch diese Erbschaften. GA104.169f Innerhalb des geistigen Zustandes der Erde auf einer höheren Entwickelungsstufe erscheint alles das wieder, was früher da war. Vor allen Dingen erscheinen die Träger der geistigen Strömungen wieder, auf denen die Erde feststeht, aus denen sie hervorgegangen ist. Die Träger dieser Strömungen erscheinen lebendig wieder. Es werden in Elias und Moses , wenn wir der christlichen Tradition folgen, die persönlichen Vertreter dessen gesehen, was uns in den zwei Säulen erschienen ist. Elias war derjenige, der dem Menschen die Kundschaft und Botschaft brachte von der einen Säule, der Säule der Stärke, Moses derjenige, der sie brachte von der Säule der Weisheit. Darüber die Sonne der Liebe, als das eigentliche Christus-Prinzip. GA104.184f Das Buch, das verschlungen wird. Die Menschheit wird die Aufnahme der Botschaft der Liebe als das Ergebnis der Erdenmission zu betrachten haben. In den Evangelien, in dem Buche ist die Kraft der Liebe enthalten, alle Kraft der Liebe. Und der Seher kann nichts anderes sagen als: Ich sehe im Geist eine Zeit vor mir, wo dasjenige, was im Evangelium ist, nicht mehr in einem Buche draußen sein wird, sondern wo das verschlungen sein wird vom Menschen selber. GA104.169 Während also die Seele des Sehers, die der Apokalyptiker geschildet hat, in geistige Regionen hinaufsteigen kann, um das Evangelium der Liebe zu empfangen, und im Geiste die Seligkeit süß wie Honig empfinden kann, lebt der Seher doch in einem heutigen Leibe, und dementsprechend muss er ausdrücken, dass das Hinaufsteigen im heutigen Leib in vieler Beziehung das Gegenstück jener Seligkeit hervorruft. Das drückt er dadurch aus, dass er sagt, das Büchlein mache ihm, ob es gleich süß sei wie Honig, als er es verschluckt hat, grimmige Schmerzen im Bauch. Aber das ist nur ein kleiner Abglanz von dem, «im Leibe gekreuzigt» zu sein. Je höher der Geist steigt, desto schwieriger wird ihm das Wohnen im Leibe. Und das ist zunächst der symbolische Ausdruck für diese Schmerzen: «Gekreuzigt sein im Leibe.» GA104.172

Die zwei Säulen stellen den sich verschlingenden roten und blauen Blutbaum dar. Die Wolke daru?ber ist die heutige Luft, die der Kehlkopf nur beherrscht. Daraus entsteht ku?nftig die ins Feste hineinschaffende Produktionskraft des Menschen. Über den beiden Blutsäulen wird sich herausgestalten der initiierte Mensch, der das Buch verschlungen hat. Und der Mensch erzeugt in sich die Kraft, die die Erde in die Sonne verwandeln wird. GA284.69 In Wirklichkeit ist alle Materie der Ausdruck von Geistigkeit, eine Kundschaft von der Wirksamkeit Gottes. Und der Mensch wird sein Wesen gleichsam ausdehnen im Laufe der kommenden Zeiten; mehr und mehr sich identifizieren mit der Welt, so dass man ihn darstellen kann, indem man statt der
Menschengestalt die Gestalt des Kosmos setzt. Das sehen Sie auf dem 4. Siegel mit dem Felsen, dem Meer und den Säulen. Das, was heute als Wolken die Welt durchzieht, wird seine Materie dazu hergeben, um den Leib des Menschen zu gestalten. Die Kräfte, die heute bei den Geistern der Sonne sind, werden in der Zukunft dem Menschen dasjenige liefern, was in einer unendlich viel höheren Art seine geistigen Kräfte ausbilden wird. Diese Sonnenkraft ist es, zu welcher der Mensch hinstrebt. Im Gegensatz zu der Pflanze, die ihren Kopf, die Wurzel, zum Mittelpunkt der Erde hineinsenkt, wendet er seinen Kopf der Sonne zu; und er wird ihn  vereinigen mit der Sonne und höhere Kräfte ermpfangen. Das haben Sie dargestellt in dem Sonnengesicht, das auf dem Wolkenleibe, auf dem Felsen, den Säulen ruht. Selbstschöpferisch
wird dann der Mensch geworden sein; und als das Symbol der vollkommenen Schöpfung, umgibt den Menschen der farbige Regenbogen. In der Mitte der Wolken befindet sich ein Buch. Die Apokalypse sagt, dass der Eingeweihte dies Buch verschlingen muss. Damit ist auf die Zeit hingewiesen, wo der Mensch nicht nur äußerlich die Weisheit empfängt, sondern wo er sich mit ihr wie heute mit der Nahrung durchdringen wird, wo er selber eine Verkörperung der Weisheit sein wird. GA284.76

Abb. links: Neben der in GA 284 publizierten Siegel von Clara Rettich ist hier eine andere Serie der von Rettich gemalten Siegel zu sehen, die den (verlorenen) Originalsiegeln nach Meinung des Rudolf-Steiner-Archivs näher steht. Rettich hat diese Serie auf die s/w Fotos der verlorenen
Originalsiegel gemalt. Die Herausgeber von GA 284 haben später eine der beiden Serien für den Druck ausgewählt. Von der anderen Serie gab es bislang keine Publikation innerhalb der GA. Sie sind zum ersten Mal gedruckt erschienen 2008 in der Dokumentation „Anthroposophie wird Kunst“ und hier ebenfalls zum ersten Mal publiziert.

Abb. oben: Eine Fassung von Arild Rosenkrantz. Erläuterung dazu siehe hier >>.

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