ICH BIN DU
Ein Buch über KInderbesprechung von Anna Seydel
Zum Geleit:
Hartwig Schiller
Wenn eine neue Pädagogik auftritt, dann ist sie nach einiger Zeit gefährdet, „bekannt“ zu sein, d. h. routinierte Praxis zu werden. Bei der Waldorfpädagogik liegt diese Gefahr in der Verwechslung des historischen Modells eines neuen Schultyps mit einer modellhaften Pädagogik. Eine lebendige Initiative droht so in die Fessel dogmatischer Fixierung zu geraten.
Eine Pädagogik jedoch, die sich zum Ziel gesetzt hat, „Erziehungskunst“ zu werden, ist darauf hin veranlagt, in einem schöpferischen Prozess zwischen Kindern und Erziehern immer augenblicklich, schöpferisch, einmalig das zu entdecken, was der Entwicklung der Kinder förderlich ist.
Solch eine situativ-moderne Pädagogik hat ein Kernanliegen zum Ziel: Die gestaltende, aufbauende, bildende Beziehung zwischen Kindern und Pädagogen. Diese Beziehung ist auf Menschenverständnis, auf reale Menschenerkenntnis angewiesen. Ihre Ausgangsfragen lauten: Wer bist Du? Woher kommst Du? Wohin willst Du?
Sie überwindet die Kluft zwischen Schülern und Pädagogen durch die Entwicklung einer gemeinsamen Lernkultur.[…] Das vorliegende Buch zeigt dafür einen erkenntnistheo-
retisch, methodisch wie praktisch sauber und gründlich beschriebenen Weg, auf dem der Zugang zum Wesen des Kindes gewonnen werden kann. […] Dabei kommt das Buch ohne Vereinfachungen, Festschreibungen oder Verengungen aus. Wege werden eröffnet, nicht betoniert. Wohltuend ist, die reife Erfahrung einer Autorin zu spüren, die nicht als theoretisches Konstrukt darlegt, was sie Anderen nahebringen möchte, sondern behutsam und milde erfahrungsgesättigte Schritte zeigt, die den Pädagogen seinen zentralen Aufgaben näher bringen können. Die Ausgewogenheit von gedanklicher Klarheit und praktischer Erfahrung zeugen von einer beeindruckenden erziehungskünstlerischen Meisterschaft.
Inhalt
Einführung in die Thematik
Drei Fragen
Schulanfänger heute
Von der Notwendigkeit, auf Kinder zu schauen
Von der Wirksamkeit des Interesses
Widerstände
Woran orientiert sich der Weg durch die
Kinderbesprechung?
Der erste Schritt: das Wahrnehmen
Der zweite Schritt: das Sich-in-Einklang-
Versetzen mit dem Kind
Der dritte Schritt: die Wesensbegegnung
Der vierte Schritt: der kommunizierbare Begriff
Der methodische Weg durch die Kinderbesprechung
Das Wahrnehmen des sinnlich Erfahrbaren
Interesse und Aufmerksamkeit: Das Kind als
Rätsel empfinden
Das Wahrnehmen der äußeren Erscheinung eines Kindes
Das Wahrnehmen der Lebensäußerungen
Äußerungen des Fühlens und des Sozialen
Äußerungen des Wollens, des Intentionalen
Schicksalsgebärden
Kommunizieren der Wahrnehmungen
Wahrnehmungsmöglichkeiten
Vom Einhalten eines Zeitrahmens
Sich mit dem Kind in Einklang versetzen
Der prägnante Punkt
Beispiel eines Vorgehens (1. Teil)
Die Wesensbegegnung
Die Parzivalfrage
Die Komplementär-Erfahrung
Beispiel eines Vorgehens (2. Teil)
Das Kinderbild
Der Schritt in die Verbindlichkeit
Vereinfachungen
Moderation
Arbeitsformen
Organbildung
Fallbeispiele
Tanja – Die Konfrontation mit den Folgen
frühkindlichen Schicksals
Maximilian – Aufwachen für das Rätsel einer Gebärde
Jabar – Das Fremde als Eigenes fühlen
Kathrin – Der Sprung über den eigenen Schatten
Arndt – Zusammenwirken zur rechten Zeit

