Rudolf Steiner in München


Vorwort zur Herausgabe der Schrift „Rudolf Steiner in München“ 1961

Am 27. Februar 1961 jährt sich zum 100. Male der Geburtstag Rudolf Steiners. Persönlichkeit und Werk des Geistesforschers und Kulturerneuerers sind 100 Jahre nach seinem Geburtstag und 36 Jahre nach seinem Tod im öffentlichen Leben noch nicht erkannt, obwohl allein das Phänomen seines universalen, auf der Höhe seiner Zeit stehenden Wissens, seiner unglaublichen Arbeitsleistung und seiner lauteren Menschlichkeit und Güte aufhorchen lassen sollte. Und müßten nicht Rudolf Steiners exakte, an die Fähigkeiten des Denkens und Beobachtens sich wendende, ganz konkrete und detaillierte Angaben über die Ergebnisse seiner mit höheren Erkenntnisorganen durchgeführten Forschung zur Prüfung herausfordern? Er selbst hat sich das immer gewünscht und die naturwissenschaftliche Forschung, die sich streng an ihre Grenzen hält, nie gescheut. Auch sind – bei allem Anfänglichen und Mangelhaften in der Fortführung seines Werkes – praktische Auswirkungen und Entwicklungen, insbesondere auf pädagogischem, medizinischem, landwirtschaftlichem, naturwissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete, sichtbar, an deren Bedeutung man nicht vorübergehen kann, die aber von der Persönlichkeit und dem Gesamtwerk Rudolf Steiners nicht zu trennen sind.


Die Absicht dieser Schrift ist, in diesem Festjahr die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und alle, die sich dafür interessieren, wie sich die Anthroposophie in München entwickelt und in das Kulturleben dieser Stadt ausgestrahlt hat, in die Jahre zurückzuführen, in denen Rudolf Steiner hier gewirkt hat. Es sind die Jahre etwa von 1904 bis zu seinem letzten Vortrag am 15.5.1922. Diese Jahre in München umschließen Höhepunkte geistiger, künstlerischer und menschlicher Entfaltung, nicht nur für die Anthroposophische Bewegung und Gesellschaft, sondern, was den wenigsten bekannt ist, weit über diese hinaus.
Ein reiches gedrucktes Material von Zeugnissen über jene Zeit liegt vor. Nur einiges, das besonders wichtig und aufschlußreich oder wenig bekannt ist, kann hier gebracht werden. Mehrere bisher unveröffentlichte Beiträge haben die Schrift bereichert. Für diese, die erteilten Genehmigungen zu umfangreicheren Zitaten und alle die sonstigen hilfreichen Hinweise und Vermittlungen sei herzlich gedankt.

Die Schrift wurde von Dr. Karl Pollmann bearbeitet.
München, im Januar 1961


Münchner Jugend zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Was unter den jungen Münchener Künstlern zu Beginn des  20. Jahrhunderts an Gesinnung und innerem Streben lebte, schildert uns Alexander Strakosch, der von 1900 bis 1903 hier studierte und in dem Kreis um Kandinsky auch seine spätere Lebensgefährtin, die Malerin Maria Giesler fand, in seinem Buche „Lebenswege mit Rudolf Steiner“, Verlag P. H. Heiß, Straßbourg-Zürich.
„Bald lernte ich auch junge Künstler kennen und verkehrte viel im Café Stephanie, das auch unter dem Namen, Café Größenwahn‹ bekannt war. Hier saßen die Größen der Kunst und die, welche es zu werden gedachten oder sich schon dafür hielten. Frank Wedekind war hier täglicher Gast, und auch Max Halbe, Max Reger und anderen bedeutenden Künstlern konnte man hier begegnen.

Wenn der ,Bourgois‘ von München und von Künstlern hört, dann denkt er vor allem an den Fasching. Den haben die Künstler meist unter sich gehörig gefeiert. Doch lebte damals in der Bohème vielfach ein echtes Suchen nach einer vertiefteren Lebensauffassung und einer Lebensführung aus geistigen Impulsen. Abends, oft bis tief in die Nacht, führten wir auf den Ateliers, sehr oft bei dem Maler Jagersbacher, ernste Gespräche, nicht nur über künstlerische Probleme. Besonders bewegte uns die Frage, ob es jenseits der Sinneswelt eine geistige Wirklichkeit, einen Gott gäbe. Manchmal glaubten wir uns durchgerungen zu haben, dann gab es einen Gott. Das dauerte wohl einige Wochen, dann ergriff uns wieder die Unruhe und es kamen Zeiten des Zweifelns und des Suchens. Manche merkten, daß da schließlich jeder seinen eigenen Weg finden müsse und daß es auf den Weg ankäme, auf die Verwirklichung des Geistes im Leben und nicht auf eine feste Meinung, sei sie auch noch so ehrlich errungen. Konfessionelle Fragen interessierten uns nicht.

Der Künstler kann eigentlich gar nicht Materialist sein, sein Streben ist ja der lebendige Beweis gegen die Behauptung, daß der Stoff die einzige Wirklichkeit sei. Um so tiefer erlebt er dafür den Widerspruch zwischen dem, was ihn erfüllt, und der Inhaltslosigkeit, der inneren Haltlosigkeit jener anderen Lebensauffassung, die im bloßen Kampf ums Dasein den Grundzug der Lebensführung von Tier und Mensch erblicken will. Dagegen wehrten sich viele und stürzten sich je nach Charakter und Temperament auf Nietzsche und Schopenhauer. Einige fühlten sich auch bei Kant geborgen, indem sie die Sittlichkeit, für deren Begründung der Materialismus nichts geben konnte, kategorisch dem Leben einfügen wollten. Doch der Zweifel wuchs und ergriff immer weitere Kreise, denen bisher das Verharren im Überkommenen eine Art Schutz gewährt hatte.

Wir waren dazumal eine kleine Gruppe, aber einmal wurde es uns klar und wir sprachen es aus, daß in etwa 20 Jahren für weite Kreise der Jugend der Widerspruch zwischen innerem Streben und den Forderungen des äußeren Lebens zu einer grundsätzlichen Lebensfrage werden würde. Was dann tatsächlich als Jugendbewegung kam und nach kurzer Zeit im ,Bürgerlichen‘ versandete, das war nicht, was wir erwartet hatten. Das ging hervor aus dem Fühlen und kam darüber kaum hinaus, während wir nach tragenden Erkenntnissen gesucht hatten, um eine bewußte Einheit der Lebensauffassung und der Lebensführung zu begründen. Erkenntnisse muß sich jeder durch eigene Anstrengung erwerben. Aber von denen, die nach solchen Zielen streben, kann man sich verstanden und bestärkt fühlen.“

Maria Strakosch-Giesler bestätigt in einem Brief vom 5.12.1960 die von Alexander Strakosch geschilderte Situation und spricht von der eigentümlichen inneren Unruhe, die damals unter den jungen Studierenden in München zu bemerken gewesen sei. „Es war, als ob eine mahnende Stimme ihnen sagte, die bisherigen, mit Bequemlichkeit hergestellten sogenannten Kunstwerke etc. sind so nichtssagend, daß, was mein Seelisch-Geistiges erfüllt an Sehnsucht nach Weisheit, Schönheit, Stärke, nach anderen Wegen und Wirkenskräften ruft, fast könnte man sagen schreit ... Wenn man durch die großen Säle des Glaspalastes mit ihrer ausgezeichneten Beleuchtung wanderte und schaute, so sah man rings um sich immer das gleiche Bemühen: die dreidimensionale Welt mit möglichst photographischer Genauigkeit darzustellen. Das konnte aber die Photographie fast noch besser. Das Geistig-Seelische der Farbe ist das Grundprinzip der Malerei, sie verlangt aber die Fläche, ein Zweidimensionales, sonst kann sie ihre Sprache nicht erklingen lassen.“


Der Theosophische Kongress 1907

Vom 18. bis 21. Mai 1907 fand in München in der Tonhalle der Kongreß der Föderation der europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft statt. Rudolf Steiner betont an dieser Stelle seiner Selbstbiographie, daß künstlerische Umgebung und spirituelle Betätigung im Raum eine harmonische Einheit sein sollten und er dabei den allergrößten Wert darauf gelegt habe, die abstrakte, unkünstlerische Symbolik zu vermeiden und die künstlerische Empfindung sprechen zu lassen.

Mathilde Scholl in den „Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft“ Nr. 5 vom August 1907 und Guenther Wachsmuth in „Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken“ schildern ausführlich den Verlauf des Kongresses.

Die Zahl der Teilnehmer wird in den „Mitteilungen“ auf 600 geschätzt. Schon die Eröffnung der Tagung am 18.5.1907 brachte eine künstlerische (musikalische) Einleitung. Nach der Begrüßung durch den Generalsekretär, Dr. Steiner, und eine Ansprache der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, nahmen die Teilnehmer – so schreibt M. Scholl – „die Gelegenheit wahr, die eindrucksvolle Ausstattung des großen Tonhallensaals näher zu besichtigen, sowie auch im Vorsaale die dort vereinte kleine, aber fesselnde Bildersammlung zu betrachten. Schon der erste Anblick des mit rotem Stoffe bekleideten großen Saales hatte auf die Gäste einen besonderen Eindruck gemacht – man gestand sich je länger je mehr, daß die intensive, jedoch nicht grelle Farbe des Raumes eine beruhigende, wenn nicht erhebende Stimmung hervorrufe. Diese Stimmung unterstützte noch eine Anzahl von plastischen Kunstwerken, sieben gemalte mächtige Säulen und sieben runde Wandbilder mit symbolischen Darstellungen, wie auch vor der Bühne, auf der die Vertreter der Sektionen Platz genommen hatten, die Büsten von Schelling, Hegel und Fichte und zwei kräftige Rundsäulen mit kugelförmigem Abschluß, auf denen die Inschriften gelesen werden konnten:

J

Im reinen Gedanken findest du
Das Selbst, das sich halten kann.

Wandelst zum Bilde du den Gedanken,
Erlebst du die schaffende Weisheit.

(linke Säule)

B

Verdichtest du das Gefühl zum Licht,
Offenbarst du die formende Kraft.

Verdinglichst du den Willen zum Wesen,
so schaffst du im Weltensein.

(rechte Säule)

Rudolf Steiner selbst erklärte in einem damals in seiner Zeitschrift „Lucifer-Gnosis“ gegebenen Bericht (abgedruckt im Nachrichtenblatt: 1937 Nr. 21 und 22) ausführlich die Ausschmückung des Saales. Von den Sprüchen sagte er, man müßte viele Bücher schreiben, wollte man den ganzen Sinn dieser Sprüche ausschöpfen, denn darinnen sei nicht nur jedes Wort bedeutungsvoll, sondern auch die Symmetrie der Worte, die Art, wie sie auf die vier Sprüche verteilt seien, die Steigerungen, die darinnen lägen, und noch vieles andere, so daß nur langes, geduldiges Hingeben an die Sache das darinnen Liegende ausschöpfen könne. (Siehe auch die Einführung Rudolf Steiners zum Bildband „Bilder okkulter Siegel und Säulen, Berlin 1907).

Immer wieder fanden außer den Vorträgen und Aussprachen künstlerische Darbietungen statt (Deklamation und Rezitation, Gesang, Streichmusik, Orgelspiel). Plastische Arbeiten, Bilder usw. von Künstlern aus der Gesellschaft waren ausgestellt. Im Mittelpunkt der künstlerischen Veranstaltung aber stand die Uraufführung des „Heiligen Dramas von Eleusis“, eines Mysteriendramas von Edouard Schuré, zu dem Bernhard Stavenhagen die Musik komponiert hatte. Die Aufführung war am 19. 5.1907. Marie von Sivers hatte schon früher das Drama aus dem Französischen übersetzt, Rudolf Steiner hatte es sprachlich für eine Bühnenaufführung eingerichtet. Marie von Sivers, die bereits am Abend vorher Stellen aus Faust II vorgetragen hatte, spielte die Demeter. Rudolf Steiner schreibt dazu in „Mein Lebensgang“, daß sie in ihrer Darstellung schon deutlich auf die Nuancen hingewiesen habe, die das Dramatische in der Gesellschaft erhalten sollte. „Außerdem waren wir in einem Zeitpunkt, in dem die deklamatorische und rezitatorische Kunst durch Marie von Sivers in dem Herausarbeiten durch die innere Kraft des Wortes an dem entscheidenden Punkte angekommen, von dem aus auf diesem Gebiete fruchtbar weitergegangen werden konnte.“

Vorträge hielten außer Dr. Steiner und Annie Besant, Michael Bauer (über „Das Verhältnis der Natur zum Menschen“), Dr. Carl Unger (über „Die Wege der theosophischen Weltanschauung“) und Frau Wolfram (über „Die okkulten Grundlagen der Siegfriedsage“). Rudolf Steiner selbst sprach am 19. 5. über „Die Einweihung des Rosenkreuzers“. War schon die Aufstellung der Büsten von Schelling, Fichte und Hegel bezeichnend dafür, wie Rudolf Steiner an das abendländische Denken, insbesondere den deutschen Idealismus anknüpfte, so auch, daß er seinen Vortrag, was Kleeberg in seinen Erinnerungen betont, mit dem Hinweis auf ein Erkenntniswort Hegels begann und mit einem Weisheitspruche Goethes beschloß. Er charakterisierte nach Erwähnung des von ihm schon behandelten Yogapfades den christlichen Einweihungsweg, um als heute zeitgemäßen den des Rosenkreuzers zu beschreiben. Am 20.5. sprach Rudolf Steiner über „Planetarische und Menschenentwicklung“. Am 21.5. erklärte er nach einer Aussprache über Erziehungsfragen die künstlerische Ausgestaltung des Tonhallensaales.

„Durch die Ausstattung des Saales“, so schließt M. Scholl ihren Bericht in den ,Mitteilungen‘, in der auch die Zeichen des Tierkreises sich wiederfanden, durch die Säulen und Siegel, wie durch das Mysterienspiel und überhaupt durch die Anordnung des ganzen Kongresses sollte, wie Herr Dr. Steiner bemerkte, ein Versuch gegeben sein, die Kunst in engerer Beziehung zu den wirklichen Lebensvorgängen zu zeigen. Wenn wir in der Kunst wieder einen Kulturfaktor erblicken wollen, von der Bedeutung die dieser im Altertum hatte, dann muß sie wieder Anschluß suchen an die hinter den Erscheinungen liegenden Vorgänge des Lebens, dann müssen die Künstler die Kraft gewinnen, uns die Lebensvorgänge selber im Bild und in der plastischen Form zu deuten.“ „Unsere Intentionen“, sagte Rudolf Steiner, rückblickend auf den Münchener Kongreß, in der Generalversammlung vom 21.10.1907 (Mitteilungen Nr. 6 vom Februar 1908), „gingen dahin, einen Anfang zu machen, die Theosophie nicht bloß eine Summe abstrakter Dogmen sein zu lassen, sondern diesen Einfluß zu verschaffen auf das Leben, das uns umgibt. Niemand kann sich der Illusion hingeben, daß die Art und Weise, wie uns die Harmonie in bezug auf die ganze Ausgestaltung des Kongresses gelungen ist, verglichen mit dem, was als theosophischer Gedanke lebt, mehr war als ein schwacher Anfang. Aber alles muß einmal anfangen ... Alles, was da zu leisten war, wurde von unseren lieben Münchener Freunden in einer nicht nur hingebungsvollen, sondern geradezu umfassend verständnisvollen Weise geleistet, so daß sich in dieser Arbeit am schönsten auslebte, was man theosophische Einheit und Harmonie nennt. “

In „Mein Lebensgang“ schließt Rudolf Steiner die Schilderung des Theosophischen Kongresses von 1907 mit der Feststellung ab, daß ein großer Teil der alten Mitglieder der Gesellschaft aus England, Frankreich und namentlich aus Holland „innerlich unzufrieden gewesen seien“ mit den Erneuerungen, die ihnen dieser Kongreß gebracht habe. Mit der anthroposophischen Strömung sei etwas von einer ganz anderen inneren Haltung gegeben gewesen, als sie die bisherige Theosophische Gesellschaft gehabt habe. „In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund, warum die Anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der Theosophischen weiterbestehen konnte. Die meisten legten aber den Hauptwert auf die Absurditäten, die im Laufe der Zeit in der Theosophischen Gesellschaft sich herausgebildet haben und die zu endlosen Zänkereien geführt haben.“ Das sind die letzten Sätze der Selbstbiographie, die Rudolf Steiner noch auf dem Krankenbette schrieb.

Kleeberg, der an dem Kongreß teilgenommen hatte, bemerkt in „Wege und Worte“ u.a.: „Es war ein denkwürdiger Anblick, Rudolf Steiner und Annie Besant beieinander stehen zu sehen. Sie vertraten schon jetzt zwei Gegensätze. In fünf Jahren kam er offen zum Ausbruch...“.

Dem Kongreß waren am 22.4., 1., 8. und 15.5. Zweigvorträge Steiners über die Apokalypse vorangegangen, ihm folgten am 23. und 24.5. zwei öffentliche Vorträge über „Bibel und Weisheit“ und vom 25.5. bis 6.6.1907 ein Zyklus von 14 Vorträgen über „Die Theosophie des Rosenkreuzers“.


1908-1909: Kunst- und Musiksäle

Am 1.3.1908 wurde durch die Initiative von Sophie Stinde und ihrer getreuen Helferin Gräfin Kalckreuth in München-Schwabing, Herzogstr. 39/0 ein „Kunst- und Musiksaal“ eröffnet. „Wir hatten die Notwendigkeit erkannt“, schrieb am 19.8.1909 Sophie Stinde an Kleeberg, „daß Kunst und Schönheit in das Leben derjenigen Klasse eintreten müsse, die nur Arbeit und Unschönes, Prosaisches kennt. Wartet man aber, bis man Geld für derlei hat, so entsteht nie Gutes, Selbstloses. Man muß handeln, sobald man die Notwendigkeit einer guten Sache erkannt hat. Man muß mitarbeiten an der Entwicklung der Menschheit, und das ist der große Unterschied zwischen Osten und Westen, zwischen indischem Yoga und Rosenkreuzerei.“ Scholl berichtet über die soziale Tat ausführlich in Nr. 7 der „Mitteilungen“ vom September 1908: „Als ... im Laufe des Winters in einem Vortrage die inhaltsschweren Worte fielen, daß es für einen Okkultisten ein furchtbarer Gedanke wäre, daß eine ganze Klasse der Menschheit ausgeschlossen sei von aller Schönheit und aller Kunst, da mußten die Bedenken und Hindernisse fallen. Eine Stätte mußte geschaffen werden, wo den Arbeitern Kunst und Schönheit nahegebracht werden konnte – ein Raum, hart an der Straße liegend, wo die Vorübergehenden durch Transparente, mit Programm an den Fenstern und durch die Musik im hell erleuchteten Saale angezogen würden, in ihren Arbeitskleidern hereinzukommen, um eine Stunde lang Künstlerisches in dem einfachen, aber doch schönheitsvollen Raume zu genießen. Eine große Bierwirtschaft, die wegen Konkurrenz geschlossen war, fand sich nach einigem Suchen als geeignetes Lokal. Ohne Zeit zu verlieren, wurde mit der Reinigung und Ausgestaltung begonnen, und nach 14 Tagen konnte der Kunstsaal schon eröffnet werden. Ein Harmonium wurde von einem Logenmitgliede zur Verfügung gestellt, ein Klavier wurde angeschafft; Ölgemälde von Künstler-Mitgliedern, geschenkte Reproduktionen, Lorbeerbäume, Blumen, Plastiken schmücken den Raum und von Freunden, Bekannten, Verlegern wurden Kunstwerke aller Art erbettelt... Draußen, neben der Türe, wurde ein Schild angebracht mit der Inschrift: Kunst- und Musiksaal, Eintritt frei. Auf einer Glastafel, die in einem der Fenster ausgehängt wurde, stand das Wochenprogramm zu lesen, auf einer zweiten im anderen Fenster das Tagesprogramm. Der Saal ist jeden Abend – außer montags – geöffnet und dreimal außerdem am Tage. Einmal wöchentlich – sonntags – werden Lichtbilder mit Erklärung, Rezitationen und Musik gebracht. Zweimal wöchentlich ist Konzertabend. Drei Mitglieder haben sich verpflichtet, immer mit Harmonium, Klavier und Geige (evtl. Gesang) einzuspringen und immer anwesend zu sein, falls nicht genügend Mitwirkende zu den Musikabenden erscheinen sollten. Ein festes Programm wird nicht vorher gemacht. Wer etwas geben möchte, erscheint kurz vor 8 Uhr. Dann bestimmt man erst gemeinsam die Reihenfolge, damit eine Harmonie hergestellt werde.

Jeden Mittwoch und Sonnabend nachmittag erzählt ein jüngeres Mitglied der Loge ein Märchen vor einer großen Zahl von Kindern, etwa 120 an der Zahl. Es werden fast ausschließlich die alten Märchen (z. B. Grimm) gewählt, die einen okkulten Hintergrund haben. Auch diese Erzählungen werden mit Gesang und Musik eingeleitet und beschlossen. (Übrigens werden auch im theosophischen Lesezimmer jeden Sonntagnachmittag von einem Mitgliede den Kindern solche Märchen erzählt) ... Am Mittwochabend und am Sonntagmorgen zwischen 9 und 12 Uhr werden die Kunstwerke ausgelegt. Abends nur für Erwachsene, sonntags auch für größere Kinder. Viele Mitglieder helfen, die Ordnung halten und erklären; das ist ein reiches Arbeitsfeld. Freitags sind einführende Vorträge über Theosophie für solche, die noch nichts oder wenig davon gehört haben ... Am ersten Abend kamen gleich dreißig Leute, die noch nichts von Theosophie wußten, die es sich nur einmal anhören wollten. Das Gehörte hat sie dann so gefesselt, daß sie den nächsten Abend kaum erwarten konnten, wie einige sagten, und seitdem ist die Zahl der ständigen Hörer auf etwa 40 gestiegen. Auch dieser Abend wird wie jeder Abend mit Musik eröffnet und beschlossen.... Am Sonnabendabend werden Sagen, Mythen und Heldengeschichten verlesen und dazwischen erzählt und in Poesie rezitiert. Auch Dramen und Rezitationen aller Art sind mit auf das Programm gesetzt. Der Anfang wurde mit den Nibelungen gemacht.

Außer den ständig hängenden Bildern gibt es noch eine kleine Wochenausstellung von Radierungen, Kupferstichen, Zeichnungen, Reproduktionen nach echten Meistern, die von den verschiedenen Mitgliedern auf 8 oder 14 Tage geliehen werden. Es helfen jetzt schon über 20 Logenmitglieder in dem Musikraume und viele Freunde gelegentlich oder auch ständig. Es ist nicht ausgeschlossen, daß noch in anderen Stadtteilen ähnliche Kunststätten entstehen, sobald sich genügend Mitarbeiter finden und wieder jemand bereit ist, die Einrichtung zu beschaffen und die jährlichen Ausgaben von etwa Mk 900 bis 1000 zu bestreiten.

Sehr viel Beifall hat auch die Idee gefunden, Dilettanten aus allen Kreisen, die künstlerisch studiert haben, Gelegenheit zu geben, sich hier einen Wirkungskreis zu schaffen. Immer mehr Mitwirkende finden sich für die Konzertabende und so kann das Programm auch immer reichhaltiger werden. Außerdem werben alle Logenmitglieder unter ihren Freunden, so daß wohl kaum je ein Mangel an Mitwirkenden eintritt. Und voller Dank sind die Zuhörer für alles, was ihnen geboten wird. Durch diesen Kunstsaal wird die Brücke geschlagen zwischen den Theosophen – den sogenannten Vornehmen und Reichen! und der armen arbeitenden Bevölkerung, was letztere als etwas sehr Erfreuliches empfindet“.

Die Schilderung wurde so ausführlich gebracht, weil sie in ihrer Konkretheit und Lebendigkeit einerseits zeigt, wie sehr sich die Verhältnisse in 50 Jahren gewandelt haben, andererseits aber auch den Gegenwärtigen unmittelbar etwas zu sagen hat. Wieviel Eifer und Schwung, wieviel Kraft der Phantasie und Vertrauen zur Improvisation treten uns aus diesem Bericht entgegen, und wie viele Menschen haben als Erwachsene oder Kinder in München von der Anthroposophie ausgehende geistige Anregung empfangen!

Am 4.11.1909 wurde in der Zieblandstraße 24 als Ersatz für das theosophische Lesezimmer in der Damenstiftstraße ein zweiter „Kunstsaal“ eröffnet. Das Lesezimmer in der Damenstiftstraße war schon lange viel zu klein, so daß die „Kunstabende“ schon im zweiten Winter ihrer Gründung fallen gelassen wurden („Mitteilungen“ Nr. 10 vom Januar 1910). Das Programm war ähnlich dem in der Herzogstraße.

Im Dezember 1909 wurde ein vierter Zweig gegründet. Die Mitgliederzahlen der vier Zweige werden in Nr. 13 der „Mitteilungen“ vom März 1912 wie folgt angegeben: München I 165, II 30, III 25, IV 26. In dem Mitteilungsblatt vom April 1914 werden nur noch drei Zweige der Anthreposophischen Gesellschaft aufgezählt: München I, München II und München (Goethe-Arbeitsgruppe).


1909: Die Kinder des Lucifer von Schuré

Auch im Jahre 1909 verband Rudolf Steiner in München künstlerische und geisteswissenschaftliche Arbeit. Am Ausgangspunkt der Gründung der Deutschen Sektion im Jahre 1902 hatte er in Berlin einen Vortrag über „Die Kinder des Luzifer“ gehalten. jetzt, nach 7 Jahren, konnte er es wagen, dem seinerzeit vor einem mehr literarisch interessierten Publikum gehaltenem Vortrag die Aufführung des dazugehörigen zeitgenössischen Bühnenwerkes folgen zu lassen. Jetzt waren über 600 Zuhörer und Zuschauer da, in denen das Werk des Dichters Widerhall finden konnte. Am Vormittag des 22.8.1909 fand im Schauspielhaus die Uraufführung des Dramas von Edouard Schuré „Die Kinder des Luzifer“ statt. Daran schloß sich vom 23. bis 31. 8. im Prinzensaal des Café Luitpold ein Zyklus von 9 Vorträgen, der den Titel trug: „Der Orient im Lichte des Okzident. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi.“ Im ersten Vortrag wies Rudolf Steiner auf die oben geschilderten Zusammenhänge hin und sprach "von der Notwendigkeit, warten zu können, bis aus dem Schoße der Zeit etwas Neues gereift ist. Spiritualität hat eine sieghafte Kraft.“

Über Edouard Schuré und Rudolf Steiner siehe auch Camille Schneider „Edouard Schurés Begegnungen mit Rudolf Steiner“, Basel 1933, Verlag Rudolf Geering.

Außer den Vorträgen hielt Rudolf Steiner „für diejenigen, welche schon einige Jahre der Bewegung angehörten und sich übend in die Geist-Wirklichkeit einzuleben bestrebten“, (A. Strakosch) die sogenannten esoterischen Stunden.


1910-1913: Die Mysteriendramen

Die Jahre 1910 bis 1913 brachten einen Höhepunkt in der Entwicklung des anthroposophischen Lebens in München und in der Geschichte der anthroposophischen Bewegung überhaupt durch die Uraufführung von Rudolf Steiners vier Mysteriendramen „Die Pforte der Einweihung“, am 15.8.1910, „Die Prüfung der Seele", am 17.8.1911, „Der Hüter der Schwelle“,am 24. 8. 1912 und „Der Seelen Erwachen“, am 22. 8. 1913. Das letztgenannte Drama führte noch in der Programmankündigung den Titel „Marias und Thomasius’ Erwachen" (oder „Das Jenseits der Schwelle“). Zu den Dramen hatte Adolf Arenson auf Aufforderung von Rudolf Steiner die Musik geschrieben, die an bestimmten Stellen Wort und Spiel ergänzte.

Es waren geschlossene Veranstaltungen der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Zahl der Besucher, die aus aller Herren Länder kamen, wird in den Jahren 1911 und 1912 auf 800, 1913 auf 1000 geschätzt. Das erste Spiel fand im Schauspielhaus (heute: Kammerspiele), das zweite und dritte im Theater am Gärtnerplatz, das vierte im Volkstheater in der Josephspitalstraße statt. Die Aufführungen begannen jeweils um 10 Uhr vormittags und dauerten bis 18 Uhr, mit einer einstündigen Mittagspause.

Den Uraufführungen gingen jeweils Wiederholungen früherer Spiele voraus: 1910 „Die Kinder des Luzifer“ von E. Schuré. 1911 „Das Heilige Drama von Eleusis“ von E. Schuré und „Die Pforte der Einweihung“ von Rudolf Steiner. 1912 „Das Heilige Drama von Eleusis“ von E. Schuré, „Die Pforte der Einweihung“ und „Die Prüfung der Seele“ von Rudolf Steiner. 1913 „Der Hüter der Schwelle“ von Rudolf Steiner.

Die Darsteller waren von Rudolf Steiner selbst aufgefordert, nur vier von ihnen waren in der Rezitationskunst ausgebildet, drei von ihnen schon als Schauspieler tätig gewesen. Die übrigen waren Laienspieler, die sonst im Leben die verschiedensten Berufe ausübten und nun in wenigen Wochen für ihre schweren Rollen herangebildet werden mußten.

Rudolf Steiner wies in dem einleitenden Vortrag des Zyklus von 1911 (siehe unten) am 18. August darauf hin, daß alles, was eine gewisse Vollkommenheit erst in der Zukunft erreichen könne, unvollkommen in der Gegenwart auftreten müsse und daß es nicht unser Beruf sei, mit sonstigen Bühnenleistungen zu konkurrieren. Ihm kam es auf die geistige Wärme an, die bei allen, welche in irgendeiner Weise am Zustandekommen der Spiele beteiligt waren, spürbar wurde. „Es bleibt ja diese geistige Wärme wirklich niemals ohne ihre Folgen, niemals ohne ein sich allmählich entwickelndes Können für das, was man will auf dem entsprechenden Felde... Wir denken an die geistigen Kräfte, denen wir im Sinne unserer Zeit auch ein kleines Opfer bringen wollen, das Opfer der gegenwärtigen Intellektualität an die religiöse Vertiefung des Menschenherzens. Und es ist schön zu sehen, wie tatsächlich diese spirituelle Wärme bei jenem kleinen Häuflein in wunderbarer Weise vorhanden ist, wie jeder einzelne tatsächlich Geistiges erlebt, indem er die keineswegs leichte Opferarbeit übernimmt ... “ Rudolf Steiner nannte dann mit der größten Bescheidenheit, Dankbarkeit und Herzlichkeit diejenigen, die Besonderes geleistet hatten. Das hatte er auch schon 1909 und 1910 so gemacht und tat es wieder nach den Spielen von 1912 und 1913 zu Beginn seiner großen Vortragszyklen.

In dem den Zyklus von 1910 einleitenden Vortrag vom 16. August bezeichnete er die Art und Weise, wie die Freunde in München zusammenarbeiteten, um das Werk zustandezubringen, „in einer gewissen Beziehung für die anthroposophische Arbeit, vielleicht auch für das menschliche Zusammenwirken als Vorbild.“

„Etwas ganz anderes wird gewollt, als diese äußere Bühnentechnik ... Gewollt ... wird, daß in jeder Seele, die da oben steht und mitwirkt, das Herz aus spiritueller Wärme heraus spricht, daß ein solcher Hauch durch die ganze mehr oder weniger gute Darstellung geht, daß wir Geisteswärme als Kunst, Kunst als Geisteswärme erleben“ (a.a.o. 18.8.1911). Rudolf Steiner wollte, daß die Seelen durch konkrete, unmittelbare Arbeit für gemeinsame, würdige Ziele zusammenwachsen. „Denn wert ist vor allen Dingen das, was der einzelne tut, was der einzelne schafft, was der einzelne bereit ist, an Opfern zu bringen. Und wert ist das, was der einzelne sich erwirbt an Ertragsamkeit für Enttäuschungen.“ (Einleitender Vortrag des Zyklus von 1912 am 25. August).

In den Kreis der Spielbeteiligten waren auch die Zuhörer und Zuschauer eingeschlossen. „Die Hauptsache ist, daß durch die Seelen und durch die Herzen der Zuschauer ein gemeinschaftliches Leben geht; ein Leben, das diese Herzen fähig macht, jene geheimnisvollen Strömungen, die von dem Werke ausgehen, nicht nur zu empfinden, sondern in Gemeinschaft, in innerer Harmonie zu empfinden ... Ein gemeinsamer Hauch soll durch die Seelen gehen können.“ (Einleitender Vortrag des Zyklus von 1909 vom 23.8.1909 im Anschluß an das Drama von E. Schuré „Die Kinder des Luzifer“). „Auf den Brettern spielt sich ein Drama in Bildern ab; in den Herzen der Zuschauer spielt sich ab ein Drama, dessen Kräfte der Zeit angehören. Das, was die Herzen im Zuschauerraum fühlten..., das ist ein Keim für das Leben der Zukunft,“ und Rudolf Steiner bezeichnete es als Zukunftsaufgabe, daß die Zeitkultur der Menschheit von dem Bewußtsein imprägniert werde, daß der Mensch hier auf dem physischen Plan der Mittler sei zwischen physischem Werden und dem, was nur durch ihn aus den übersinnlichen Welten in diese physische Welt einströmen könne. (Einleitender Vortrag zum Zyklus von 1910 vom 16. August).

G. Wachsmuth weist in „Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken“ auf die Feierlichkeit des Geschehens hin, als nach dem Auftakt des Schuréschen Dramas in dem festlich geschmückten Theater am 15.8.1910 das erste Mysteriendrama von Rudolf Steiner „Die Pforte der Einweihung“ dargestellt wurde. „Wie die griechische Kulturepoche ihre geistige Essenz darbrachte in den Mysterien von Eleusis, so fordert auch das 20. Jahrhundert die Offenbarung seiner geistigen Berufung durch die Mysterienkunst unserer Zeit. Der heutige Mensch muß auf der Bewußtseinsstufe dieses Jahrhunderts wiederum durch die „Pforte der Einweihung“ schreiten.“ Rudolf Steiner sagte einmal, daß in diesen vier Mysteriendramen die ganze Substanz der Anthroposophie enthalten sei, und daß, wenn durch ein unwahrscheinliches Schicksal einst nur diese vier Mysteriendramen erhalten bleiben sollten, damit doch der Wesensinhalt der Anthroposophie gerettet wäre. „Wenn die Menschen es richtig aufnehmen würden“, sagte er damals, 1912 in München, von dem ersten Drama zu Margarita Woloschin, „brauchte ich keine Bücher mehr zu schreiben und keine Vorträge mehr zu halten“ (M. Woloschin „Die grüne Schlange“).

Für den Sommer 1914 war die Aufführung eines fünften Mysteriendramas geplant. „Auch im Mittelpunkt dieses Spieles sollte ein früheres Erdenleben der durch alle Verkörperungen verbundenen Schicksalsgemeinschaft stehen. Diese Szenen hätten in Griechenland zur Zeit des entstehenden Christentums auf dem Parnaß, am Kastilischen Quell, gespielt (A. Fels. Dieses Drama war bereits völlig konzipiert, Rudolf Steiner wollte es aber, wie in den Vorjahren erst vor Beginn der Proben niederschreiben. Der erste Weltkrieg trat dazwischen. Rudolf Steiner hat kein weiteres Drama mehr niedergeschrieben, es haben sich auch keine Notizen oder Entwürfe gefunden.

Jedes Mal schlossen sich an die Spiele Vortragszyklen an, die in dem Prinzensaale im ersten Stock des damaligen Café Luitpold gehalten wurden: vom 16. bis 26.8.1910 über „Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte“, vom 18. bis 27.8.1911 über „Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen“, vom 25. bis 31.8.1912 „Von der Initiation. Von Ewigkeit und Augenblick. Von Geisteslicht und Lebensdunkel“, vom 24. bis 31.8.1913 über „Die Geheimnisse der Schwelle“. Die Vortragsreihen von 1911, 1912 und 1913 standen wie die von 1909 mit den vorher aufgeführten Mysterienspielen in innerem Zusammenhang und behandelten die Menschheitsfragen aus einer Blickrichtung, die für Rudolf Steiner – auch während er innerhalb der Theosophischen Gesellschaft wirkte – charakteristisch war. Er fragte: „Wie hat sich seit Jahrhunderten das europäische Kulturleben gestaltet und was verlangt es für die nächste Zeit?“ Seine Antwort auf die eine Frage war, das europäische Kulturleben verlange, wenn es nicht verdorren und veröden solle, Geisteswissenschaft. Die andere, daß das europäische Kulturleben eine solche Geisteswissenschaft verlange, welche den Grundbedingungen entspreche, die durch Jahrhunderte in der europäischen Menschheit geworden seien (Einleitender Vortrag des Zyklus von 1911 vom 18. August).

Rudolf Steiner schrieb die Dramen jeweils erst kurz vor den Uraufführungen in der Zeit der Proben nieder. „Nicht wahr“, sagte er, „es wäre ja Unsinn, ein Drama zu schreiben, bevor es sich um eine Aufführung handelt.“ So berichtet Max Gümbel-Seiling, einer der Mitspieler. Rudolf Steiner fügte noch hinzu – es war 1910 vor der Uraufführung der "Pforte der Einweihung“ –: „Es ist das erste Drama, in dem die Reinkarnationsidee in wahrer künstlerischer Form erscheint.“ (Max Gümbel-Seiling „Einige Erinnerungen an die Mysterienspiele in München von einem Mitspieler“ in „Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 7 März 1949).

In der Zeit der Münchener Festwochen schrieb Rudolf Steiner aber auch noch folgende Werke: „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ 1911, „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“ 1912, und „Die Schwelle der geistigen Welt“ 1913. Werke der Sammlung, der Meditation, wie sie Marie Steiner nannte, die gleich den Mysteriendramen, in den Nächten und den den Proben gewidmeten Tagen geschrieben wurden und fertig gedruckt während des nachfolgenden Vortragszyklus vorlagen.

Erinnerungen von Teilnehmern und Mitwirkenden an diese Münchener Festwochen liegen in großer Zahl in Büchern und Zeitschriften vor. An eingehenden und bedeutenden Schilderungen seien, soweit bekannt, folgende aufgeführt:

Marie Steiner: „Über die Mysterienspiele in München“ in dem Nachrichtenblatt für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft 1925 Nr. 33 (abgedruckt auch in „Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 7 März 1949),

Alice Fels: „Erinnerungen an die Münchener Proben zu den Mysterienspielen“ im Nachrichtenblatt 1929 Nr. 38 und 39 und 1950 Nr. 30 und 31.

Lutz Krichendorff: „Erinnerungen an die Münchener Mysterienspiele“ in „Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 48, Johanni 1959.

Oskar Schmiedel: „Erinnerungen an die Proben zu den Mysterienspielen in München in den Jahren 1910 – 1913“ in „Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 7 März 1949,

Max Gümbel-Seiling in seinem Büchlein „Mit Rudolf Steiner in München“ und "Einige Erinnerungen an die Mysterienspiele in München von einem Mitspieler“ in „Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 7, März 1949.

Auch die Erinnerungen von Margarita Woloschin in „Die grüne Schlange“ und Alexander Strakosch in „Lebenswege mit Rudolf Steiner“ führen zu den Münchener Ereignissen in den Jahren 1910 bis 1913, und die Dichter Christian Morgenstern und Albert Steffen berichten von ihren Eindrücken als Zuschauer und Zuhörer: Morgenstern, der 1913 mehrere Monate im Haus des befreundeten Arztes Dr. Felix Peipers hier weilte, in seinem Brief an Christian Kayssler vom 8.9.1913 („Christian Morgenstern: „Ein Leben in Briefen“ Insel-Verlag); Steffen, der von 1908 bis 1920 als Schriftsteller in München lebte, in seinem Buche „Begegnungen mit Rudolf Steiner“, Verlag für Schöne Wissenschaften, Dornach (Schweiz).

Einiges aus der Fülle der Erinnerungen und Betrachtungen möge hier im Wortlaut folgen, weil die Ereignisse zu bedeutend waren, um nur durch Literaturhinweise gestreift zu werden, und weil viele der genannten Schriften vergriffen oder sonst nicht leicht zugänglich sind.

„Es war die schönste Zeit des Jahres, diese Festspielzeit in München“, schreibt Marie Steiner-von Sivers. „Denn da war es uns gestattet, im Zeitraum von ungefähr zwei Monaten uns auf eine Arbeit zu konzentrieren. Am Tage probten wir, in der Nacht schrieb Rudolf Steiner seine in Gedanken schon fertig gestalteten Dramen. Dazu leitete und überwachte er die verschiedenen Werkstätten, in denen nach seinen Angaben geschreinert, gezimmert, gemalt, modelliert, genäht und gestickt wurde. Für alles hatte er neue Gedanken, überall konnte er zugreifen.“

Ein anschauliches Bild von den Proben und sonstigen Vorbereitungen gibt Alice Fels: „Die Art des Probens war folgende: Rudolf Steiner brachte ein Bild oder einen Teil davon morgens mit in die Probe. In der Nacht vorher hatte er dies niedergeschrieben und frühmorgens um 5 Uhr, wenn alles noch schlief, läutete der Druckerlehrling, dem er öffnete und das Geschriebene persönlich überreichte.“ Einige Maler von Beruf fertigten die Kulissen an, die von den Teilnehmern dann im Großen bemalt und auf Netze aufgenäht, manchmal auch mit übereinander geschichtetem, mehrfarbigern Tüll benäht wurden. Manche Mitwirkenden fanden sich schon um 7 Uhr morgens an der Arbeitsstätte ein. Diese bestand aus einigen großen Holzräumen der sogenannten Schrannenhalle in München (einer alten Markthalle). „Mit Besen und Bürsten wurde die in Eimern und Zubern aufgelöste Farbe auf die am Boden liegenden Kulissen aufgetragen. Die Feinheiten wurden dann nachher von den Malern eingefügt. Um 10 Uhr vormittags trafen alle Teilnehmer im Probenraum ein. Zunächst las Rudolf Steiner mit starker Intonierung und dezidiertem Betonen des Rhythmus das in der Nacht Neuerstandene vor. Dann verteilte er den noch druckfeuchten Text an die Träger der verschiedenen Rollen und ließ ihn so oft lesen und spielen, bis sich die verschiedenartigen Menschen aufeinander abgestimmt hatten. Er leitete die Arbeit derart, daß er niemals die Spieler unterbrach und „verbesserte“, sondern dieselbe Szene wieder und wieder vorsprach und vorspielte mit allen mimischen Nuancen und so oft spielen ließ, bis er mit den Schauspielern zufrieden war. Wesentlich schien ihm dabei, die Stimmung, die Atmosphäre eines Bildes zu übermitteln – gewaltig wirkte es, wie er die beiden Bilder im Geistgebiet (5. und 6. Bild aus „Der Seelen Erwachen“) vorlas. Er stellte sich während des Lesens auf einen Stuhl, und im schwingenden Rhythmus der Verse fühlte sich der Zuhörer mitgetragen in die Weltenweiten. Die Erde wurde einem gleichsam sachte unter den Füßen weggezogen, während die Jamben mit ungeheurer Wucht, stark beschwingt und dabei in strahlender Helle dahinströmten.“

Max Gümbel-Seiling über die Proben: „Am Vormittag erschien Dr. Steiner und las uns jeweils aus seinem Heft das neu entstandene Bild vor. Manchmal schrieben wir uns aus diesem Heft selbst unsere Rollen ab. Die Bleistiftschrift war deutlich und klar. Bald unterzog sich Dr. Elisabeth Vreede der Mühe, die fertigen Szenen für uns auf der Schreibmaschine abzuschreiben. Er las mit zurückgehaltenem Pathos, aber deutlicher Charakterisierung. Während der Proben gab er sparsame Winke. Selten machte er es uns auf der Bühne vor. Dann aber bekam man den Eindruck einer konkreten Persönlichkeit und bemerkte, daß es ihm Freude machte, seinen Gestalten Haltung, Ton, Gebärde zu verleihen.“

Auch Oskar Schmiedel schildert uns, wie Rudolf Steiner die Spiele einstudierte. „Einen ganz besonders starken Eindruck machte es, wenn Dr. Steiner einzelne Rollen vorspielte; er tat dies mit einer schauspielerischen Kunst und Kraft, die es den Spielern schwer machte, in ihrer eigenen Darstellung dem einigermaßen nachzukommen. Ganz unvergeßlich ist mir z. B., wie Rudolf Steiner die Szene vorspielte, in der Strader vor dem von Thomasius gemalten Bild des Capesius steht (8. Bild der „Pforte der Einweihung“). Mit einer Eindringlichkeit spielte Rudolf Steiner, daß wir alle, die wir dies miterleben durften, erschüttert waren und eine tiefe Stille danach längere Zeit im Saale herrschte ... Welche immense Arbeit Rudolf Steiner während der Wochen, die der Aufführung vorangegangen waren, leistete, können wohl nur die einigermaßen beurteilen, die diese Zeit in der Nähe Rudolf Steiners erleben durften. Er studierte die Stücke nicht nur in den Vormittagsproben ein, sondern veranstaltete außerhalb dieser Zeit mit den Hauptdarstellern besondere Proben. Und nun bedenke man, daß während dieser Zeit erst das Stück geschrieben und die Druckbogen korrigiert wurden. Dazu kamen noch zahlreiche Besprechungen auf den verschiedensten Gebieten. Das Verwunderliche dabei war, daß man Rudolf Steiner von den Probenanstrengungen nie etwas anmerkte; er war immer der gleiche, immer frisch, freundlich, geduldig und gütig. Überhaupt scheinen diese vier Sommer der Vorbereitungen der Aufführungen seiner Mysterienspiele etwas wie ein Höhepunkt seines Lebens und Wirkens gewesen zu sein. Wir alle, die wir an dieser Arbeit teilnehmen durften, empfanden diese ganzen Sommerwochen als eine hohe Festzeit. Ich kann mich nicht erinnern, Rudolf Steiner in späteren Zeiten in einer gleichen Stimmung erlebt zu haben.“

In ähnlicher Weise äußert sich A. Strakosch: „Rudolf Steiners Tage und – wie erwähnt – auch die Nächte waren von intensiver Tätigkeit erfüllt, doch war es nicht jenes beängstigende Übermaß an Arbeit und Sorge, wie in den letzten Zeiten, sondern es herrschte um ihn die harmonische Beschwingtheit, welche das künstlerische Schaffen verleiht, wenn es sich wirkend entfalten kann. Er wurde nicht von außen gedrängt durch Menschen oder Verhältnisse oder bedrückt durch Sorgen. Alle waren bestrebt, seine Instruktionen auszuführen, seinen Anregungen zu folgen.“

Aus den Erinnerungen von Lutz Krichendorff: „Soweit ich mich erinnere, fanden die Proben in einer Turnhalle in Schwabing (Männerturnverein nächst der Elisabethkirche) statt. Dr. Steiner skizzierte dem Neuling mit charakteristischen Gesten, das Textbuch in der linken Hand, die Rolle in der notwendigen Sprechweise ... Ich erinnere mich beim besten Willen nicht, daß er mich auch nur ein einziges Mal korrigiert hätte ... Dr. Steiner wohnte bei Fräulein Sophie Stinde und bei Gräfin Pauline Kalckreuth. Fräulein Stinde hat mir selber erzählt, daß manches Mal sein Bett unberührt geblieben sei.“

Dr. Rudolf Rissmann hat für diese Schrift seine Erinnerungen an die Tagung von 1910 niedergeschrieben. Er war damals erst 15 Jahre alt und somit, wie er schreibt, wohl der jüngste Teilnehmer. „Selbstverständlich konnte ich nur einiges Wenige mitmachen. Meine Mutter, die mit Michael Bauer seit 1901 eng befreundet war und Rudolf Steiner bereits 1904 in Nürnberg kennengelernt hatte, besuchte regelmäßig die festlichen Veranstaltungen in München. Als ihr ältester Sohn bekam ich die Erlaubnis, sie zu begleiten.Tagsüber besuchte ich die Museen und Sammlungen. Abends gegen 9 Uhr traf ich regelmäßig auf dem Salvatorplatz ein. Im ersten Stock der Prinzensäle waren die großen Fensterflügel bei der drückenden Sommerschwüle halb geöffnet. Und da tönte nun gewaltig die sonore Stimme von Rudolf Steiner über den stillen Platz. Ich kannte sie schon gut von Nünberg her. Noch heute klingt sie mir unvergeßlich in den Ohren. Oft blieben Menschen, die zufällig des Weges kamen, gebannt stehen vor der Fülle des Wortes und fragten sich gegenseitig: „Wer ist denn eigentlich dieser Redner?“ Stolz konnte ich antworten: „Das ist doch der berühmte Dr. Steiner, von dem Sie sicher schon gehört haben.“

Nach den Vorträgen begleiteten wir meistens die Familie Klenk in den nahe bei der Pinakothek gelegenen „Fruchtkorb“, in dem ich zum erstenmal auffallend farbige Tapeten sah, großartig gekleidete Damen, Russinnen, dunkle Französinnen und Ungarinnen. Klenks wohnten hier einige Monate, nachdem sie aus der Provinz in die Residenzstadt übergesiedelt waren. Klenk erwarb sich viele Jahre hindurch große Verdienste als Stenograf der Vorträge von Dr. Steiner. Besonders habe ich einen Abend in lebhafter Erinnerung. Frau Klenk und meine Mutter waren noch stark erregt von Dr. Steiners Ausführungen, gewaltige Katastrophen stünden vor der Menschheit, die sich vom Materialismus nicht lösen wolle. Auch ich wurde tief beeindruckt. Einige Jahre später, als ich tagelang schwer verwundet in den Gräben vor Verdun lag, mußte ich immer wieder an die prophetischen Worte denken. Ich trug sie im Bewußtsein, als ich 1917 in Dornach als Internierter die großen Vorträge über Zeitfragen hörte, in denen neue Katastrophen angedeutet wurden.

Ein junger Mensch beobachtet selbstverständlich sehr kritisch die auffälligen Erscheinungen der Umgebung: eine Reihe von Damen in violetten, weiten Gewändern, mit einer langen Stola, manche mit kurzen, zum Ausgleich einige Männer mit langen Haaren. Ich bemerkte, wie die Münchener, die ja von ihren Künstlern in Schwabing mancherlei gewöhnt waren, stehenblieben und diese neue Note ihres Straßenbildes betrachteten. Die zahlreichen Ausländer erregten die Neugier des Knaben.

Einige Male durfte ich auch die „großen Ereignisse“ miterleben. In den Prinzensälen fand an einem Sonntag Vormittag eine kleinere Zusammenkunft statt. Rudolf Steiner sprach. Es war mein erster Vortrag, den ich hörte. Der Inhalt war mir sicher vielfach unverständlich. Aber noch habe ich eine klare Erinnerung an den Saal mit seinen Säulen, Spiegeln und großen Fenstern. Ich habe noch den Klang von Rudolf Steiners Stimme in mir. Am Schluß führte mich meine Mutter zu ihm. Er lächelte mich freundlich an; ich fühlte mich mit meinen 15 Jahren sehr geehrt, weil er mich bereits mit „Sie“ ansprach.

Das größte Ereignis jedoch blieben für mich die „Kinder des Luzifer“ im Schauspielhaus an der Maximilianstraße (heute: Kammerspiele). Den weißhaarigen Dichter Edouard Schuré sah ich von weitem. Ich mußte zunächst lange im Vorraum warten, da meine Mutter die persönliche Erlaubnis von Rudolf Steiner für meinen Besuch benötigte. Sie wurde erteilt, Mutter und Sohn saßen strahlend nebeneinander. Die Ausstattung war einfach nach meinen damaligen Begriffen, aber die ungeheure Spannung bei den Zuschauern, die vornehme Ruhe, die große Ehrfurcht, die liebevolle Begegnung der vielen Freunde, die neue Geistgemeinschaft wirkten auf den jüngsten Teilnehmer. Die Aufführung fesselte; ich erkannte Fräulein von Sivers an ihrer melodischen Stimme. Meine Mutter zeigte mir noch verschiedene Spieler, z. B. den Münchener Arzt Dr. Peipers und den alten Direktor Sellin. Den größten Eindruck aber machte ohne Zweifel Michael Bauer, der als Bischof mit Krummstab auftrat. Mit einer großen Ruhe stand diese hohe und edle Gestalt, die von uns Kindern so sehr geliebt wurde, auf der Bühne. So sind es eigentlich nur Äußerlichkeiten, die der Knabe aufnehmen konnte. Aber eines spürte er ganz deutlich, das unauslöschlich die Jahrzehnte hindurch weiterlebte: Die große Liebe zu dem Lehrer, die unerhörte Verehrung und die Ehrfurcht, die er damals bei der älteren Generation beobachten konnte.“

Dem von Rudolf Rissmann erwähnten vegetarischen Restaurant „Fruchtkorb“ widmen auch die russische Malerin Margarita Woloschin in ihrem Lebensbuch „Die grüne Schlange“ und Hans Büchenbacher in einem Rückblick einige Bemerkungen, deren Kritik den Lesern nicht vorenthalten sein soll. M. Woloschin schreibt: „Ich nahm die Mahlzeiten bei Frau von Vacano, die das vegetarische Restaurant „Fruchtkorb“ und die kleine dazugehörige Pension führte. Später wurde sie als die ausgezeichnete Übersetzerin der Werke Wladimir Solowjews unter dem Pseudonym Harry Köhler bekannt. Sie war in Rußland erzogen, eine starke Persönlichkeit mit viel Schwung und Begeisterungsfähigkeit. Diese Eigenschaften aber vereinigten sich bei ihr mit einer Neigung zur Phantasterei, und im „Fruchtkorb“ reiften manche Früchte einer Pseudomystik. Ich fragte mich: Sieht denn Rudolf Steiner das nicht? Erst nach Jahren, als die Dinge sich ad absurdum geführt hatten und erkannt werden konnten, sagte auch er, wie peinlich es ihm z. B. war, auf Vortragsreisen und in den Hörsälen immer von Damen in Lila-Kardinalsfarben umgeben zu sein. Diese Farbe wurde getragen, weil er einmal ausgesprochen hatte, daß das Violett eine sittliche Wirkung habe, die eine geistige sei. Nun, das waren nur Kleinigkeiten, aber auch in ernsten Dingen ließ Rudolf Steiner den Menschen ihre Freiheit. Es ist ein Gesetz der wahren zeitgemäßen Esoterik, daß der Lehrer den Schüler nicht in seinem Willen beeinflußt. Er gibt ihm Erkenntnisse im Vertrauen zu seinem höheren Wesen und der Führung des Schicksals, das ihm den wahren Weg weisen wird.“

Hans Büchenbacher bemerkt: „Rudolf Steiner hat im letzten Kapitel von ,Mein Lebensgang‘ die Verschiedenheit der seelischgeistigen Artung des Berliner Zweiges gegenüber den Mitgliedergruppen in München geschildert: Daß in München verschiedenartige Zweige und Gruppen sich bildeten, ergab sich ganz natürlich aus dem künstlerischen, vielfarbigen und freiheitliebenden Charakter, der vor dem ersten Weltkriege gerade München eigen war. Neben allem Positiven, das sich damit für das anthroposophische Leben ergab und von Sophie Stinde und dem von ihr geführten Zweig in einer auch von Dr. Steiner besonders anerkannten vorbildlichen Weise vertreten wurde, war allerdings auch – begreiflicherweise- da und dort zu viel Phantastik im Sichaneignen der Anthroposophie wirksam. Die Gediegenheit geisteswissenschaftlicher Arbeit wollte oder konnte man nicht überall und immer erlangen.

Als ich im Winter 1910 ausnahmsweise das vegetarische Speisehaus „Fruchtkorb“ aufsuchen mußte, fiel mir das sonderbare und etwas komische Gebahren einer Anzahl von Gästen auf, die sich in einen kleinen Nebenraum begaben, zu dem die Flügeltüren offenstanden. Auf meine Frage, was denn das für Leute seien, erhielt ich die Antwort: ,Das sind die Theosophen von dem Dr. Steiner‘ Eine führende Rolle in diesen Kreisen spielte, wie ich etwas später erfuhr, der ,Hofrat‘ Seiling. Er wurde später einer der ersten üblen, verleumderischen Gegner Steiners.

Die Existenz und Wirksamkeit einer geistigen Welt war mir von Jugend auf gewiß. Eine mir völlig genügende wissenschaftliche Begründung dieser intimen Erfahrungen hatte ich trotz allen Bemühens nicht gewinnen können. Mich zur Befriedigung dieser Erkenntnisbedürfnisse an die „Theosophen“ zu wenden, schien mir zunächst gar nicht in Frage zu kommen. Später lernte ich dann Mitglieder der Gesellschaft kennen und schätzen, hörte dann auch einen öffentlichen Vortrag Rudolf Steiners in den Prinzensälen und begann nun die öffentlichen Bücher Steiners mit der mir größtmöglichen wissenschaftlichen Objektivität zu studieren.“

Zu den Persönlichkeiten, die Rudolf Steiner und seiner Umgebung zunächst mit aller inneren Reserve und Vorsicht gegenübertraten, gehörte auch Friedrich Rittelmeyer, der an Goethes Geburtstag, am 28.8.1911, Rudolf Steiner in München zum ersten Male sah. Dr. Rittelmeyer war damals evangelischer Pfarrer in Nürnberg und als Theologe bekannt und angesehen. „Ein halbes Jahr“, schreibt er in „Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“. Verlag Urachhaus, Stuttgart, „hatte ich nun in meiner freien Zeit fast ausschließlich Schriften Dr. Steiners gelesen. Aber noch lag es mir ganz fern, der Anthroposophischen Gesellschaft mich zu verbinden“. Man gab ihm trotzdem die Freiheit, ohne Verpflichtung an der Münchener Sommertagung teilzunehmen.

„Als ich in den Saal trat“, fährt F. Rittelmeyer fort, „überraschte mich die Stimmung. Die Menschen empfand ich großenteils als recht fremd. Ein gewisser Typus von passiver, genußsüchtiger Geistigkeit machte mir sehr zu schaffen. Besonders wenn ich Männer mit langen Haaren sah, war es mir zum Davonlaufen. Später wurde dies alles ja bedeutend besser, als die ,theosophischen‘ Eierschalen abgelegt waren, und als Rudolf Steiner immer mehr wissenschaftlich denkende Menschen an sich heranzog. Er litt wohl unter vielem in jenen früheren Jahren, aber er redete grundsätzlich in Äußerlichkeiten nicht hinein, aus Achtung vor der persönlichen Freiheit, und suchte von innen her allmählich zu erziehen.

Was mir sympathisch auffiel, war eine gewisse festliche Andacht ... Obwohl ich mich außerhalb fühlte und an manchem Anstoß nahm, erweckte es doch meine Teilnahme, wie unromantisch, wie echt und stark hier ein Mensch als Menschheitsereignis empfunden wurde. Alles atmete im Adel des Menschentums, da ein Großer des Menschengeschlechts unter ihnen gefühlt wurde. Man muß so etwas erlebt haben, um zu wissen, wie ein Mensch unausgesprochen in der Mitte der anderen wirken kann. In den künstlerischen Darbietungen kam es besonders zum Ausdruck. Die Mitwirkenden führten ihre Kunst vor nicht wie Menschen, die auf Presse und Publikum sehen, sondern wie Menschen, die sich von einem höheren Menschen durchschaut fühlen, und die darum ohne Eitelkeit vor einer offenen göttlichen Welt ihre Opfer darzubringen sich bemühen. Eine ganz neue Ahnung von Kunst als Kultus ging in mir auf. Steiner hielt dazwischen eine kurze Ansprache ... Ich saß in meiner Saalferne, entschlossen, unter keinen Umständen mich in eine Massensuggestion hineinreißen zu lassen, aber ebenso auch völlig frei für jeden Eindruck zu sein ... Auch für die Frage, ob sich bei dem Vielverehrten menschliche Schwächen zeigen, die auf seine Verkündung ihre Schatten werfen, hatte ich als einer, der viel unter Predigtberühmtheiten gelebt und gelitten hat, ein besonders scharfes Auge. Mit aller Sicherheit sage ich, daß die Vorwürfe, die Rudolf Steiner solche Alltagsschwächen wie Eitelkeit oder Effekthascherei andichten, völlig in die Irre gehen. Sie beruhen auf flüchtigen, ungeprüften Ersteindrücken. und sanken in der wirklichen Nähe seiner Persönlichkeit völlig wesenlos zu Boden. Wenn es ein gerades Gegenteil von persönlicher Eitelkeit gibt, so war es Rudolf Steiner. Und für Effekthascherei war er nicht nur viel zu gewissenhaft, sondern schon zu klug.

Der erste Eindruck war also der, daß alle Möglichkeiten offen bleiben ... Der Abend brachte, außerhalb der anderen Vortragsreihe, einen Vortrag zum Gedächtnis Goethes. Der Goethe, der da erschien, war mir ein neues Erlebnis. Es war nicht der Dichter, nicht der Mensch, sondern der Welt-Denker Goethe. Die Selbständigkeit, Sicherheit und Souveränität, mit der da über Goethe gesprochen wurde, gab Rudolf Steiner in meinen Augen einen hohen geistigen Rang ... Mit einer beglückenden Ahnung, daß sich volle religöse Größe mit dem klarsten Denken und dem freiesten Forschen vereinigen läßt, ging ich nach Hause.“

Albert Steffen führt einen Ausspruch Rudolf Steiners an, daß bei diesen Mysterienspielen manches anders habe getan werden müssen als bei anderen Aufführungen. „Zu den physischen Kräften mußten geistige kommen, die bis jetzt ja gar nicht auf der Erde, im Körperleben vorhanden waren. Kräfte der geistigen Welt als solche mußten zur Hilfe kommen: Schutzengelkräfte... Zu den Voraussetzungen, bemerkte er (Rudolf Steiner), unter welchen diese Festspiele überhaupt stattfinden konnten, gehörte es, daß nicht nur lebende Menschen mithalfen und mit ihren physischen Augen und Ohren dabei waren, sondern daß auch Gestorbene im Geiste teilnahmen. Ja, er wies sogar in ganz konkreter Art auf den Werdegang einer solchen Persönlichkeit, die schon vor Jahren durch die Pforte des Todes gegangen war und durch ihren tief veranlagten Schönheitssinn und eine Durchchristung der Ideale, die sie im Erdenleben gepflegt hatte, schützend, klärend, helfend werden konnte. ,So wirken die Toten mit uns‘.“

„Nach den Aufführungen und Vorträgen“, fährt A. Steffen an anderer Stelle fort, „trafen sich viele der ausländischen Gäste im Hotel Marienbad. In einem weiß lackierten Saal von schwarz befrackten Kellnern bedient, aßen sie zu Mittag und zu Abend, und öfters sah ich Rudolf Steiner an der Tafel. Hernach setzte man sich im Vorraum in bequeme Strohsessel. Dort erblickte ich ihn nie. Er fuhr sogleich nach der Mahlzeit mit einer Kutsche fort, entweder um mit den Schauspielern zu proben oder zu erbetenen Gesprächen. Es wurde in jenen Mittagspausen deutsch, englisch, französisch,italienisch und sogar russisch durcheinander gesprochen. Die nationalen Unterschiede waren in einem menschheitlichen Denken aufgehoben, obschon man sich die Gäste gerne in ihrer Heimat, in anderen Städten und Ländern vorstellen konnte ... Mich beglückte die Herzenshöflichkeit dieser Menschen, worin sich die seither fast ganz verlorengegangene Kultur guter Europäer ausdrückte. Weltmännisch und weltfraulich nannte sie Rudolf Steiner einmal.“

Wie tief Christian Morgenstern von den Mysterienspielen (beim dritten und vierten Spiel 1913 war er selbst anwesend) und den Vorträgen Rudolf Steiners berührt wurde, dürfen wir aus einem Briefe erfahren, den er am 24. 8. 1913 aus München seinem Freunde Friedrich Kayssler schrieb:

„... Das Steinersche Mysterium ... " ist kein Spiel, sondern es spiegelt geistige Welten und Wahrheiten wider. Es leitet ein, mag sein noch mit mancher Mühsal eines Anfangswerkes, einer ersten Tat beladen, eine neue Stufe, eine neue Epoche der Kunst. Diese Epoche selbst ist noch fern; es können hunderte von Jahren vergehen, bis die Menschen, die diese rein geistige Kunst wollen, so zahlreich geworden sind, daß etwa in jeder Stadt Mysterien solcher Art würdig geboten und empfangen werden können – aber hier in der „Pforte“ ist ihr historischer Ausgangspunkt, hier wohnen wir ihrer Geburt bei. –

Was du da in Händen hast, ist ja außerdem nur der Anfang, dem bereits drei Fortsetzungen, Weitergestaltungen folgten, und der noch Weiteres und Weiteres nach sich ziehen wird. Etwas Ungeheures entsteht da vor uns und mit uns – eine geistige Gebirgslandschaft, die man ein Leben lang nicht zu Ende ergründen und auslernen kann.

Du magst denken, ich habe gut reden, aber was beweist das schließlich, als daß ich eben von alledem sehr eingenommen bin ... Zur selben Zeit, da mir ein Mensch entgegentrat, vor dem ich wie Schopenhauer vor Kant oder Nietzsche vor Schopenhauer spontan empfand, daß ich alles, was er irgendwie zu sagen hätte, würde in mich aufnehmen müssen, wurde jenes Hintertreppenurteil über jenen Mann zu Dir geäußert, das ihn Dir bis heute verdächtig zu machen vermocht hat, – unerachtet Margareta und ich nun schon vier Jahre mit unserer ganzen Seele von ihm und für ihn zeugen.

Seht Ihr Lieben, – und wenn uns Steiner nichts anderes verschafft hätte als ,das Erlebnis des Lehrers‘, es wäre schon genug.Es gibt in der ganzen heutigen Kulturwelt keinen größeren geistigen Genuß, als diesem Manne zuzuhören, als sich von diesem unvergleichlichen Lehrer ,Vortrag halten zu lassen‘. Ein solcher Zyklus z. B. wie der gegenwärtige, ja, Lieber, da kulminiert eben das europäische Geistesleben von 1913, dergleichen ist einmalig und unersetzlich und ist selbst in einem Weltall, wie Du es gern hast und in dem sich schließlich ein Prachtmensch wie Du auch gefährliche Maximen einmal leisten darf, nicht so ohne weiteres wieder zu haben. Denn gefährlich ist die Maxime, der Du in Dir Gehör gibst, dieses: ist's nicht heute, ist's morgen; es wird schon alles so kommen, wie es kommen soll und gut ist usw. Und: in solchen Dingen bedarf's keiner Eile; ich habe Zeit usw. Wer von uns darf wirklich sagen: ich habe Zeit.

Und wer von uns darf eigentlich so sprechen, wie Du sprichst: Nichts lieber als wenn mir der entscheidende Führer begegnete und ich mich ihm hingeben könnte. Verzeih mir.... aber so träumt der Märchenprinz vom Schlaraffenland.“

Morgenstern spricht in diesem Brief von einer Kulmination des europäischen Geisteslebens von 1913. In der Öffenlichkeit blieb sie unbemerkt. Nicht nur von jenen zwei biederen Einheimischen, die morgens vor Eröffnung des Gärtnerplatz-Theaters viele Teilnehmer, besonders Damen in Stolenkleidern sich einfinden sahen und folgendes Gespräch führten: „Was sind denn das für merkwürdige Leute?“ „Weißt du, das ist eine amerikanische Reisegesellschaft, die fahren abends weiter und lassen sich halt jetzt ,Das Autoliebchen‘ vorspielen – das war der Titel der Operette, die sonst jeden Abend lief (A. Strakosch).

Es ist bemerkenswert, daß Rudolf Steiner unter den gegebenen Umständen für die Aufführungen seiner Mysteriendramen auch die Operettenbühne nicht verschmäht hat. Die Aufführungen schützten sich selbst. Das Bedürfnis, einen eigenen würdigen und auch für die Vorträge ausreichenden Raum zu haben, war aber unabweisbar.

 


Der Johannesbau

Schon die Veranstaltungen des Sommers 1909 veranlaßten, wie A. Strakosch berichtet, die Münchener Freunde Sophie Stinde, Dr. Felix Peipers und Graf Otto Lerchenfeld, denen sich auch noch der Maler Hermann Linde anschloß, die Initiative zu ergreifen und im Sommer 1910 den „TheosophischKünstlerischen Fonds“ zur Sicherstellung der Mysterienspiele „in voller Erkenntnis der Unerläßlichkeit eines eigenen Baues“ zu gründen.

Der Zweig Weimar stellte in der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft den Antrag, den Bau in Weimar zu errichten. Unter den Gründen, aus denen sich Rudolf Steiner dagegen aussprach, ist folgender innerer, einem okkulten Gesetz entsprechender besonders interessant: daß nämlich „nicht diejenigen Orte für spätere Epochen fruchtbar sind, die schon eine Blüte hinter sich haben. Der Appell will gerade Weimar gewählt haben, weil da schon einmal die Blüte des deutschen Geisteslebens sich entwickelt hat. In Weimar kann sich in der Gegenwart nur eine Archivtätigkeit entwickeln. Gesellschaften gründen sich dort zum Andenken und Ausarbeiten des schon Dagewesenen ... “ (zitiert nach G. Wachsmuth).

Im April 1911 wurde ein Verein zur Verwirklichung des Zentralbaues in München errichtet; er nannte sich „Johannes-Bau-Verein“ nach Johannes Thomasius, einer der Hauptgestalten der Mysteriendramen. Am 8. 7. 1911 wurde ein Grundstück in Schwabing unmittelbar hinter der evangelischen Erlöserkirche, zwischen Germania-, Fuchs- und Ungererstraße angekauft; ein Doppelkuppelbau sollte entstehen, der an zwei Straßenseiten zum Teil von Häusern (Wohnungen von Freunden der Bewegung) umgeben sein sollte. Beim Entwurf des Gebäudes legte Rudolf Steiner den Hauptwert auf die Gestaltung des Innenraumes. Das Gebäude sollte genau in die Ost-West-Richtung gestellt werden, wobei die kleinere Kuppel nach Osten weisen sollte. In dem Entwurf wurde die äußere Gestaltung weitgehend diesen Gesichtspunkten untergeordnet und im wesentlichen auch in seiner Formgebung dem damaligen Baustil angepaßt. Die Innenraumgestaltung jedoch entfernte sich völlig von allem, was in damaliger Baukunst möglich und üblich war, und legte den Grund zu einer neuartigen dynamischen Baugestaltung, die über alles hinausging, was die bekanntesten Architekten der damaligen Zeit geplant und gebaut hatten.

Der Verwaltungsrat des Vereins richtete an die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft (Deutsche Sektion) und deren Freunde einen Aufruf, in dem zwei Gesichtspunkte im Vordergrunde standen: eine Weihestätte für die Mysterienspiele zu schaffen und eine Hochschule für Geisteswissenschaft zu errichten. Bauplan und Modell wurden gefertigt. Die Genehmigung durch die Baubehörde zog sich jedoch hin.

Inzwischen stellten – im Spätsommer 1913 – Schweizer Mitgliedr der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach (Kanton Solothurn) Grund und Boden zur Verfügung, und das Schicksal führte von München weg in die Schweiz. Dort wurde am 20.9.1913 der Grundstein zum ersten, in der Sylvesternacht 1922/23 durch Brandstiftung bis auf den Betonsockel vernichteten Gotheanum gelegt. Dessen Innenraumgestaltung geht bis auf alle Einzelheiten auf das persönlich von Rudolf Steiner für München angefertigte Modell zurück. – In Deutschland brach 1914 der Weltkrieg aus. Das Münchener Grundstück wurde während des Krieges von Mitgliedern der Gesellschaft mit Gemüse bepflanzt und nach Kriegsschluß verkauft.


Die Anfänge der Eurythmie

Noch ein bedeutendes Ereignis fand in der Festspielzeit von 1912 und 1913 hier statt. Die Eurythmie, die Rudolf Steiner selbst sichtbare Sprache und sichtbaren Gesang nannte, trat ins Leben. Bei der Einstudierung des dritten Mysteriendramas „Der Hüter der Schwelle“ im Sommer 1912 hatten im sechsten Bild Gedankenwesen, den Worten Luzifers und Ahrimans folgend, gewisse tanzartige Bewegungen aufzuführen, die als Keim der Eurythmie bezeichnet werden können.

Lory Smits durfte an den im Juli stattfindenden Proben anwesend sein und sollte während dieser Wochen von Rudolf Steiner Unterweisungen in der von ihr angestrebten neuen Bewegungskunst erhalten. Sie berichtet darüber in „Wir erlebten Rudolf Steiner, Erinnerungen seiner Schüler, Lory Maier-Smits: Die Anfänge der Eurythmie.“

„Ich aber wartete von Tag zu Tag, daß Dr. Steiner mich rufen ließe und die ,Stunden‘ beginnen könnten. Endlich, eines Tages, begegnete ich ihm unter einer Tür. Vielleicht habe ich ihn sehr fragend und erwartungsvoll angesehen, jedenfalls legte er mir die Hand auf die Schulter und sagte: ,Ja, Kleine, es gehört die Weisheit der ganzen Welt dazu – ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen. Ich kann mir in diesen Wochen hier nicht die Zeit nehmen, die ich dazu brauche.‘ Er vertröstete auf den September in Basel.“

„Einen Tag vor unserer Abreise von München“, fährt Lory Maier-Smits fort, „wurden wir, meine Mutter und ich, dann doch noch überraschend zu Rudolf Steiner gerufen und in dieser abendlichen Besprechung gab er die ersten konkreten Angaben über drei Vokale.“ Es waren die Vokale I, A, 0. Den Unterricht setzte dann Rudolf Steiner im September in Basel fort.

„Im Sommer 1913“, erzählt Alice Fels im „Nachrichtenblatt“ 1937 Nr. 12, „während die Proben zu ,Der Seelen Erwachen‘ stattfanden, wurden in München in einem der Kunstzimmer durch die ersten ,Laienkurse‘ die elementaren Anfänge der jungen Kunst den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft übermittelt. Parallel damit wurden die ersten eurythmischen Laut- und Formgestaltungen für das Mysterienspiel selbst eingeübt. Sie wurden durch die Gnomen und Sylphen dargestellt, und es zeigte sich schon damals, daß die Sprache der Eurythmie den Elementarwesen angemessen ist. Außerdem begleiteten vier in Priesterrollen mitwirkende Darsteller, die nicht sprachlich an der Handlung beteiligt waren, die ägyptische Einweihungsszene (8. Bild „Der Seelen Erwachen“) durch ein ins Flächenhafte stilisiertes Vokalisieren, das eine überraschende Ähnlichkeit mit Gesten alter ägyptischer Kultdarstellungen aufwies. “

„Bisher hatte Dr. Steiner in den Unterweisungen nur einzelne Bewegungen gezeigt“, schreibt Tatjana Kisselieff in ihren Erinnerungen aus den Jahren 1912-1917. „Jetzt aber nahm er während der Probe zwei kleine Stöcke in die Hände, bückte sich und begann einen Gnomentanz aufzuführen, so unglaublich charakteristisch und mit solch erstaunlicher Beweglichkeit des ganzen Körpers und auch des Gesichtes, daß wir vor Staunen lange sprachlos und wie gefesselt blieben. Die uns bekannte Gestalt war gleichsam verschwunden, und wir hatten ein Wesen vor uns von erschütternder Ausdruckskraft.“

Am Nachmittag des 28.8.1913, Goethes Geburtstag, wurde in der Tonhalle (damals „Kaimsäle“ genannt) die neue Kunst zum ersten Mal einem größeren Kreis von Menschen, nämlich den Teilnehmern der Sommertagung dieses Jahres, gezeigt. „Die Wand hinter dem Orchester-Podium“, berichtet A. Strakosch, „war mit weißem Stoff behangen; für farbiges Licht, wie es heute mit der Eurythmie verbunden ist, gab es dort keine Möglichkeit. Rudolf Steiner, dem man die Freude ansehen konnte, hielt eine vorbereitende Ansprache.“ „Die Eurythmie war in den Anfängen. Die ausübenden jungen Damen und Herren standen in der Hauptsache noch auf einem Fleck, machten Stabübungen oder bewegten ihre Arme. Das Ganze sah einer Schülerklasse ähnlich, die das neue Buchstabieren vorzuführen hatte. Trotzdem war die Begeisterung groß." (H. Kühn).


Die Anthroposophische Gesellschaft entsteht

 Mit dem bisher Geschilderten ist die Bedeutung der Jahre von 1910 und 1913 noch nicht erschöpft. In den ersten Tagen des Septembers 1912 vollzog sich die „Geburt der ,Anthroposophischen Gesellschaft‘ “. Denn in diesen Tagen vom 1. bis 7. September fanden unter den zahlreichen, aus vielen Ländern und Zweigen zusammengekommenen Mitgliedern gründliche Verhandlungen statt, die eindeutig den Willen offenbarten, in Zukunft vollständig unabhängig von der dem Wirken Rudolf Steiners und seiner Schüler schon seit langem gänzlich entfremdeten Theosophischen Gesellschaft zu arbeiten (G. Wachsmuth). Der entscheidende Schritt wurde dann in einem Beschluß des Vorstandes der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft am 8.12.1912 in Köln getan.Am 2. und 3. Februar 1913 fand darauf die bereits 1912 angekündigte erste, konstituierende Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Berlin statt.

So gingen die Jahre eines starken inneren Aufbruchs, in denen Keime für die Zukunft gelegt wurden, zu Ende. Mit welcher Eindringlichkeit und mit welcher Fülle stellte Rudolf Steiner noch im Sommer 1913, ein Jahr vor Beginn der ersten Weltkriegskatastrophe, hier in München den Menschen, die es hören wollten, dar, was die heilenden Kräfte nicht nur für den einzelnen, sondern für die Menschheit barg!

In seinen Begrüßungsworten zu der Vortragsreihe „Die Geheimnisse der Schwelle“ wies er am 24.8.1913 darauf hin, wie in bedeutsamer Weise sozusagen Volksseelen durcheinandergerüttelt würden im europäischen Osten. Wie da sich manches abspiele, was nur erklärlich sei, wenn man in Betracht ziehen könne, was sich unter der Oberfläche der physisch-sinnlichen Welt an Wellenschlägen im Völkerleben vollziehe. „Es ist in einem gewissen Grade merkwürdig, wie wenig eigentlich westeuropäisches Verstandesdenken auch nur daran denkt, die tieferen Grundlagen dieser erschütternden Ereignisse zum Herzens-, zum Seelenverständnis zu bringen.... Man könnte sagen: Unvernehmbar für die äußere Welt vollziehen sich jetzt karmische Dinge, die zusammenhängen mit dem, was nur symptomatisch auf dem physischen Plan zum Ausdruck kommt.“

Die Teilnehmer der Festspielwochen durften in den Vorträgen und Mysterienspielen Rudolf Steiners in lebendiger Wirklichkeit die polarisch wirkenden beiden Widersachermächte kennenlernen, die sich der Menschheit beim Übertritt über die Schwelle der geistigen Welt entgegenstellen.

Die Schwelle zu überschreiten, ist Schicksal und Aufgabe unserer Zeit. Die Menschen bedürfen dazu eines Wissens von den höheren Welten. Rudolf Steiner wurde, allen Anfeindungen zum Trotz, nicht müde, im Geiste zu forschen und Geisteswissenschaft zu künden. An der Schwelle steht ein Hüter, der unreife Menschen fern hält. „Es ist aber die Furcht, die sie nicht an den Hüter der Schwelle herankommen läßt,“ sagte Rudolf Steiner am 31.8.1912 in dem abschließenden Vortrag des Zyklus „Von der Initiation. Von Ewigkeit und Augenblick. Von Geisteslicht und Lebensdunkel,“ „und es ist die ganze Kraft dieser Furcht dahinein maskiert, was sich heute als ein Kampf auftun möchte gegen das Herankommen dessen, was aus den übersinnlichen Welten als das Geisteslicht gegenüber dem Lebensdunkel kommen soll.“


Rudolf Steiner und die Münchner Künstler

Es ist noch wenig erkannt und gewürdigt, welche Bedeutung Rudolf Steiner für die vielfältigen, reichen künstlerischen und geistigen Kräfte hatte, die damals in München frisch am Werke waren, auch wenn mancher nur am Rande berührt wurde oder auch ablehnend reagierte.

Bereits zu Beginn dieser Schrift wurde auf das Suchen der jungen Künstler und ihr Wegstreben von dem bloßen Naturalismus hingewiesen. Maria Strakosch-Giesler, die Schülerin Kandinskys, schreibt: „Kurz vor der Beendigung des alten Jahrhunderts, also gleichsam mit der Jahrhundertwende erschienen in München einige russische Maler, markante Persönlichkeiten. Es waren dieses Baronin Marianne Werefkin, dann Alexej von Jawlensky und als hervorragendste und eigenartigste Kulturerscheinung Wassily Kandinsky. Marianne Werefkin stammte aus solchen russischen Kreisen, die es ihr als selbstverständlich erscheinen ließen, ein Haus zu führen, in welchem sich an der Kultur interessierte Persönlichkeiten treffen konnten. Emil Nolde, Erbslöh, Kanoldt u. a. lernte ich dort kennen. So verschieden diese Persönlichkeiten auch waren, es waren doch alles Sucher nach den eigentlichen Anforderungen, welche die Zeit, in der sie lebten, stellen mußte.

Das Schicksal hatte es mir vergönnt, mit diesem Kreise in nähere Beziehung zu kommen. Ich war die einzige Anthroposophin in diesem und Baronin Werefkin stellte mich gerne vor als „Frau Strakosch, eine Anthroposophin“. So gewann ich einen gewissen Einblick in die innere Haltung, welche dieser Kreis der Anthroposophie gegenüber hatte, und fand, daß ein gewisses spontanes Interesse für diese festzustellen war. Werefkin äußerte einmal, daß sie mich um die innere Ruhe und Zielstrebigkeit auf dem Gebiete der Farben und der Malerei beneide; sie selbst könne aber diesen Weg nicht gehen; warum, sagte sie nicht.

Das war aber auch bei manchen anderen in diesem Kreise der Fall. Mir schien es aber, daß sie durch alle die Impulse und Hinweise, die Rudolf Steiner sowohl in seinen Büchern wie auch in seinen Vorträgen zum Ausdruck brächte, in umwandelnder Weise ergriffen waren, aber nicht den Mut hatten, sich dieser anthroposophischen Geisteswelt hinzugeben oder auch aus anderen Gründen es nicht taten. Es waren auch andere Kreise in München vorhanden, die in ähnlicher Weise dieser Welt gegenüberstanden.

Derjenige, welcher sich ernster und eingehender mit den Gedanken der Anthroposophie beschäftigte, war Wassily Kandinsky. Als wir (Maria und Alexander Strakosch) im Frühjahr 1908 mit ihm einige Zeit in Berlin verbrachten und selbst erst mit Rudolf Steiner in Berührung kamen, begleitete er uns immer in die Architektenhaus-Vorträge Rudolf Steiners, welche wir stets besuchten. Rudolf Steiner seinerseits zeigte an der Arbeit Kandinskys besonderes Interesse. Es handelte sich da um Bildwerke, z.B. köstliche farbige Holzschnitte, die Kandinsky – angeregt durch die geistdurchleuchtete bildhafte Sprache Rudolf Steiners in seinen Vorträgen – gestaltet hatte. Einmal durfte ich Rudolf Steiner einen solchen Holzschnitt zeigen. Er äußerte dazu in freundlichem, warmem Ton: "Der kann was, der weiß was ...“

Clemens Weiler berichtet in einem Artikel zum 80. Geburtstag von Frau Strakosch-Giesler (Nachrichtenblatt der Anthroposophischen Gesellschaft 1957, Nr. 31), daß Kandinsky im Anschluß an einen Berliner Vortrag, in dem Rudolf Steiner zum Schluß das Goethewort „am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ zitiert hatte, die Faust-Ariel-Szene gemalt und das Bild später Maria Strakosch-Giesler schenkte.

Kandinsky spricht in seinem Buche „Über das Geistige in der Kunst“ in dem Abschnitt „Geistige Wendung“ von der Theosophischen Gesellschaft als der materiellen Form einer der größten geistigen Bewegungen. Ihre Logen versuchten auf dem Wege der inneren Erkenntnis sich den Problemen des Geistes zu nähern. Dabei zitiert er in einer Fußnote „Dr. Steiners ,Theosophie‘ und seine Artikel in ,Lucifer-Gnosis‘ über Erkenntnispfade.“

Man muß berücksichtigen, daß zu der Zeit, als Kandinsky sein Buch niederschrieb – 1910 –, Rudolf Steiner noch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft wirkte, um zu verstehen, daß Kandinsky die von ihm geschilderte geistige Bewegung mit einer Neubelebung indischer Weisheit in Verbindung bringt.

Maria Strakosch-Giesler bemerkt auch noch, daß sich Kandinsky für die Farbentherapie, die Dr. Felix Peipers nach Richtlinien und Angaben Rudolf Steiners in seinem Sanatorium anwandte, lebhaft interessiert habe. Was er in seinem Buche „Über das Geistige in der Kunst“ über Chromotherapie schreibt, beziehe sich auf diese Erfahrung. Auch in Kandinskys Biographie (W. Grohmann „Wassily Kandinsky: Leben und Werk“) erwähnt Will Grohmann, daß auf dem Gebiete der Farbenpsychologie Beziehungen zu Steiner vorhanden seien, daß in den Jahren bis 1914 „die Steinerschen Anregungen gelegentlich fühlbar“ seien, Maria Strakosch-Giesler, eine seiner ersten Schülerinnen, Kandinsky mit der Lehre Rudolf Steiners bekanntgemacht und er selbst Vorträge Steiners gehört habe. „Kandinsky war sich mit Steiner einig im Gefühl einer Katastrophensituation, des Versagens der Wissenschaft und der Notwendigkeit eines geistigen Schauens.“ (Will Grohmann).

Clemens Weiler schildert uns in seinem Buche „Alexej von Jawlensky, der Maler und Mensch“ die Situation der Münchener Künstler in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und wird dabei auch der Bedeutung Rudolf Steiners gerecht. Er spricht von der Gründung der Neuen Künstlervereinigung München e.V. im Jahre 1909 und von der Bildung der Gruppe des Blauen Reiters. Er versucht, die geistige Situation Münchens um das Jahr 1909, in der die Künstler mehr oder weniger bewußt lebten, deutlich zu machen. „Um diese Zeit drängt nicht nur ein neues Weltbild an die Oberfläche, sondern es waren auch Ansätze zur Wiedererweckung des im 19. Jahrhundert verlorenen Gesamtkunstwerkes vorhanden.“ Hier erwähnt Weiler das 1910 in München aufgeführte Mysteriendrama Rudolf Steiners und fährt dann fort: „Gerade im Kreise der Russen war, wie die Erinnerungen von Stepun und Woloschin zeigen, ein feines Empfinden für die geänderte Zeitlage vorhanden. Das zeigt sich, wenn Alexander Block sagen konnte: „In der Welt geht etwas vor … jemand will erscheinen, jemand pocht ans Tor“, oder wenn Majakowski ausrief: „Es versanken alle Mitten, keine Mitten gibt es in der Welt.“ Die Bemühungen Rudolf Steiners um die Wiedererweckung des Gesamtkunstwerkes mündeten in dem Bau des ersten Goetheanum und in der an ihm errichteten Hochschule, während die Bestrebungen Kandinskys zum Bauhaus, das unsere Zivilisation so nachhaltig beeinflußt hat, führten. Jawlensky stand beiden Bestrebungen nahe, ohne sich aber je mit ihnen zu identifizieren. Er ging seinen eigenen nur ihm eigentümlichen Weg.

Die Dichter Christian Morgenstern und Albert Steffen wurden bereits genannt. M. Woloschin schreibt: „Christian Morgenstern, den wir schon in Rußland als den ausgezeichneten Übersetzer Ibsens kannten und dessen leuchtende Augen mich beeindruckt hatten, wenn ich ihm ohne zu wissen, wer es ist, in anthroposophischen Veranstaltungen begegnete, weilte damals monatelang im Sanatorium unseres Freundes Dr. Peipers, ich wußte es aber nicht. Ich wußte auch nicht, daß der junge Schweizer, der regelmäßig die Leseabende von Fräulein Sophie Stinde besuchte, der Dichter Albert Steffen war. Damals fiel mir sein Danteprofil auf und der ungewöhnliche Ernst seiner Augen. Ein durchsichtiger Schein der Milde lag auf seinem Gesicht, dessen scharf geschnittene Züge an seine felsige Heimat erinnerten. Erst nach 10 Jahren begegnete ich ihm in Dornach ... “

Von Albert Steffen besitzen wir eine Schilderung des künstlerischen Lebens in München um das Jahr 1910 in einer Gedächtnisansprache, die er anläßlich der Kremation von Mathilde Scholl, gest. 18.5.1941, gibt, abgedruckt in „Hugo Reimann, Betrachtungen zu Rudolf Steiners Mysteriendramen ,Die Pforte der Einweihung‘ “: „Zu jener Zeit lebten in München solche Künstler wie etwa Hans Wildermann, ... es ist der berühmte Bildhauer, der jene herrliche Büste von Christian Morgenstern geschaffen hat, die in den ,Stufen‘ abgebildet ist. Andere Künstler waren da, wie Walo von May; Ärzte wie Dr. Peipers, Christian Morgenstern selbst und seine Gattin, Michael Bauer – man hat sich immer gesehen. Wir jungen Leute haben unsere Geistes-Nahrung nie aus der Theosophischen Gesellschaft genommen. Kaum daß man ein Buch von Frau Besant las; vielleicht hat man es pflichtgemäß später doch getan; aber damals spielte das keine Rolle. Wir lebten ganz in jenen Bildungsstätten, die damals in München blühten. Auf der Universität hörten wir Heinrich Wölfflin und Max Scheler. Dann gingen wir in die Nationalbibliothek und lasen im Handschriftenzimmer Jakob Böhme oder Saint-Martin. Im Theater hörten wir Hebbel, Ibsen, Strindberg; auch die Klassiker; diese wurden nicht allzuviel gegeben. Drüben im ,Odeon‘ die Bruckner- und Beethoven-Symphonien. Rudolf Steiner hat damals in einem engeren Kreis gesagt, daß München noch etwas von Goetheschem Geist besaß, daß ein Nachklang davon eigentlich mehr in der Kunststadt München als in der Museumsstadt Weimar gefunden werden konnte. Es lag das auch in der Entwicklung; Rudolf Steiner selbst war längst weggegangen vom Goethearchiv, wo er sieben Jahre gewirkt hatte. Aber in München war noch etwas von Goethescher Kultur, und es sollte ja auch das Goetheanum zuerst dort gebaut werden. Also, was zum Beispiel an dieser Ludwigstraße alles erlebt werden konnte, im Odeon, in den beiden Pinakotheken, das nahmen wir auf.“

A. Steffen widmet in seinem „Buch der Rückschau“, Verlag für Schöne Wissenschaften, Dornach (Schweiz), ein Kapitel seinen Münchner Erinerungen an Rainer M. Rilke. Er schildert den Eindruck, den der Dichter auf ihn gemacht hat, bevor sie sich persönlich kennenlernten, und dann die erste persönliche Begegung. „Eines Tages setzte er, der 10 Jahre Ältere, sich plötzlich an mein Tischchen und begann über ein Drama zu sprechen, das er und ich am Vorabend gesehen hatten: Georg Kaisers „Vom Morgen bis Mitternacht“, Rilke hatte es, so erzählte man, schon fünfmal angeschaut. In diesem traten Soldaten der Heilsarmee auf, die versagten. Und nun sprachen wir über das Verhältnis des Wortes zu Tat und Lehre ... Als ich im Verlaufe des Gespräches sagte, Erkenntnis wirke auf meine Dichtung produktiv, schwieg er, und ich fühlte seinen Widerspruch … In dieser Zeit wurde ein Vortrag Rudolf Steiners über die Darstellung des Sinnlich-Übersinnlichen in der Kunst angesagt. Ich hatte Gelegenheit, Rilke, der unter den Zuhörern saß, von meinem Platz aus zu beobachten, und mußte fast annehmen, daß er sich, wie damals oft, nicht wohlfühlte.

Am nächsten Tag traf ich mich in unserem Restaurant mit Michael Bauer und einigen Bekannten. Ich war dem besten Freunde Christian Morgensterns seit Jahr und Tag auf das innigste verbunden. In meinem Tagebuch findet sich der Satz über ihn: „Glauben an einen Menschen ist Mitempfinden mit seinem höheren Selbst.“ Die kleine Tischgesellschaft sprach gerade über Rudolf Steiners Vortrag, als Rilke eintrat. Man hätte gern gewußt, was dieser darüber dachte. Ich ließ mich nach einigem Zögern bewegen, mich zu ihm zu setzen, wie er vor kurzem zu mir. Solchen Gegenbesuch durfte ich wagen.

Ohne sich über Rudolf Steiners Ausführungen zu äußern, begann Rilke seine eigenen Gedanken über die Verbindung mit dem Übersinnlichen zu entwickeln. „Wir empfangen Eindrücke durch die Sinne“, sagte er, „durch Auge, Ohr, Geschmack. Zwischen diesen Sinnen sind ,Leerräume‘, die zwar bei den Urvölkern noch ausgefüllt sind, aber bei uns erstorben.“ Und er zog auf der Papierserviette einen Kreis, den er in einzelne Sektoren teilte, wobei er diese abwechslungsweise schattierte, so daß zuletzt etwas wie eine Scheibe mit schwarzen Keilschriftzeichen entstand. „Diese Teile urbar zu, machen, ist nötig, das gibt genug zu tun.“ Und er begann über Huysmans Symphonie der Gerüche zu reden.

Ich erwiderte, daß ein solches Wiederbeleben erstorbener Fähigkeiten auf höherer Stufe erfolgen müßte, d.h. nicht nur von der Empfindungs-, sondern von der Erkenntnissphäre her, durch Methoden, die allen Menschen zugänglich wären und nicht das Vorrecht einzelner Auserwählter bleiben dürften. Hier empfand ich wiederum jene innere Abwehr, weshalb ich verstummte.

Eigene Münchener Erinnerungen Albert Steffens an Rudolf Steiner in „Begegnungen mit Rudolf Steiner“ tragen zu dessen Bild Wesentliches bei: „... Es wurde von einem Maler erzählt, der Rudolf Steiner verschiedene Bilder vorgelegt hatte. Die Leute, die dabei gewesen und ihre Nase mehr oder weniger vorgestreckt hatten, machten sich nachher recht lustig über den Künstler, bis Dr. Steiner plötzlich – als einzige Bemerkung – sagte: ,Aber er hat ein sehr nettes Kind‘. Allgemeines Verstummen. Was wollte er wohl sagen? – Ich denke: Wenn ihr die Kunst nicht verehren könnt, so gebt wenigstens Achtung auf das Kind, damit ihr diesem die Verehrung zum Vater – durch Totschwätzen nicht raubt. Gebt acht auf das Kind in euch selber....

Um das Recht, mit Rudolf Steiner zu sprechen, vor mir selber zu begründen, beschloß ich, ihm einen Fall vorzulegen, bei dem ich nicht ein und aus wußte. Ich hatte einen Bekannten (es war der strengste und edelste Charakter, dem philosophischen Bekenntnis nach von Kant bestimmt), der sich eine Kugel in den Kopf geschossen hatte, aber am Leben geblieben war. Die Hoffnungslosigkeit, die ihn zu der Tat getrieben hatte, war geblieben. Er wollte keinen Rat, nicht einmal einen Trost annehmen. Ich gestehe, daß sich deshalb oftmals Unmut in mir regte. Dies mochte ich in dem Bericht, den ich Dr. Steiner gab, auch gezeigt haben. Er erwiderte nichts als mit dem ernstesten Blick: „Mehr Liebe.“ Jetzt erst kam ich auf mich selbst zu sprechen und erzählte jenes Großstadterlebnis, das mir das Über- und Untersinnliche der fallenden Menschheit so hilfeheischend offenbarte und das sich seither in mannigfachster Form immer wiederholt hatte. Ich mußte von nun an den Tod in jedem Dinge sehen. Mir war es zuweilen, als stünde ein Gerippe neben mir. Damals begann ich, Hans Holbein d.J. zu verstehen.

Noch heute sehe ich den aufmerksamen Blick, den Rudolf Steiner auf mich richtete. Er neigte sich ein bißchen vor und begann nach Einzelheiten zu fragen. Was ich nicht sagen konnte, daß ich gekommen war, zu fragen, wie ich der Menschheit besser dienen dürfte, spürte Rudolf Steiner sogleich. Er gab mir eine Anweisung, wie ich mich standhaft und sicher dem Ansturm auch der finstersten Gewalten entgegenstellen sollte. Von jenem Augenblick an fühlte ich mich jedem Geschehen und jedem Menschen gegenüber gewachsen. Ich hatte die Möglichkeit erlangt, in mir selber zu ruhen.

So kam es, daß ich die sieben nächsten Jahre kein persönliches Gespräch mehr mit Rudolf Steiner führte, obschon ich seine Schriften Tag für Tag studierte und seine Vorträge, wann und wo ich nur konnte, hörte. Ich mochte ihm seine Zeit nicht rauben. Es hatte einen allzu schmerzlichen Eindruck auf mich gemacht, als ich bei meinem Besuche die lange Reihe der Ratbegehrenden erblickte. Ach, diese Menschenschar lagerte eigentlich fast immer von morgens früh bis abends spät vor seinem Arbeitsraum. Er, in seiner Menschenliebe, half allen. Und doch ist jedem, der sein Werk in sich aufnimmt, gegeben sich selbst zu helfen.“

Freiherr Alexander von Bernus setzte sich für Rudolf Steiner ein. Alexander Strakosch schreibt hierüber: „In München hatte im Winter 1917/18 Freiherr von Bernus, der Herausgeber der seit dem Jahre 1916 erscheinenden Zeitschrift „Das Reich“, ein Kunsthaus des gleichen Namens gegründet und einen Kreis von Künstlern versammelt, der sich tätig für das geistige Leben in weitem Umfang, das vergangene wie das gegenwärtige interessierte. Man findet in dieser Zeitschrift auch Beiträge von Rudolf Steiner und von Persönlichkeiten aus dem Kreise seiner Schüler. Im Kunsthaus wurden Ausstellungen und Vorträge veranstaltet, die auf ein kulturell interessiertes Publikum eine große Anziehungskraft ausübten. Rudolf Steiner hatte hier im Februar zwei Vorträge gehalten, welche durch die neuen und überaus fruchtbaren Gesichtspunkte besonders für Künstler wertvoll waren („Das Sinnlich-Übersinnliche in seiner Verwirklichung durch die Kunst“ und „Die Quellen der künstlerischen Phantasie und die Quellen der übersinnlichen Erkenntnis“). Es hatte auch eine Ausstellung jener Vereinigung anthroposophischer Maler, Graphiker und Plastiker stattgefunden, welche auf Anregung Rudolf Steiners den Namen „Aenigma“ angenommen hatte („aenigmatisch“ nannte man von altersher jene Kunstübung, welche mit Mysterienströmung zusammenhing)."

Alexander von Bernus selbst erzählt in der Zeitschrift „Die Drei“ 1955, Heft 2, von der Entstehung seiner Vierteljahresschrift „Das Reich“ und der Mitarbeit Rudolf Steiners: „Graf Hermann Kayserlingk, der zu Lebzeiten Rudolf Steiners nicht eben wohlwollend von ihm zu sprechen pflegte, äußerte sich später einmal mündlich, erst eine fernere Zukunft, vielleicht erst das kommende Jahrhundert, werde erkennen, daß Rudolf Steiner ,ein Eckstein seiner Zeit gewesen sei’. Damals, um 1915 und 1916, als Rudolf Steiner schon auf dem Höhepunkt seiner Sichtbarwerdung und seines Wirkens stand, spielte die anthroposophische Bewegung als solche noch eine mehr oder weniger unbeachtete Rolle. Das ganze öffentliche Interesse konzentrierte sich auf die Persönlichkeit Rudolf Steiners, der alljährlich in zahlreichen Vortragsreisen im In- und Ausland das, was er der Zeit zu sagen hatte, an die ihm zuströmenden Menschen herantrug. Aber die Anthroposophische Bewegung und Gesellschaft ... führte damals noch ein mehr nach innen gewandtes Dasein. Persönlichkeiten von Rang, die als geistige Mitarbeiter für die anthroposophische Idee hätten vor die Öffentlichkeit treten können, gab es damals nur ganz wenige. Das erwies sich als das Kernproblem, bei der Herausgabe der Vierteljahresschrift „Das Reich“ Mitarbeiter zu finden, die bei ausreichender philosophischer und naturwissenschaftlicher Bildung in die anthroposophische Ideenwelt tief genug eingedrungen waren, um darüber schreiben zu können, und die gleichzeitig auch schreiben konnten.“ Die Zeitschrift sollte nicht nur anthroposophisch orientiert, sondern „gewissermaßen eine Brücke sein, die zu einer vorurteilslosen, aber auch zu einer mit Vorurteilen behafteten Leserschaft hinüberführte.“

Dr. Felix Peipers, der damals – um die Wende des Jahres 1915/16 – den Münchener Zweig leitete, stand dem Vorhaben zunächst skeptisch gegenüber, revidierte aber seinen Standpunkt nach einer Aussprache mit Rudolf Steiner gründlich. „Ich komme, um Abbitte zu tun“, sagte er zu von Bernus drei Tage nach der ersten Unterredung. „Ich bin von Ihnen noch am selben Abend nach Berlin zu Herrn Dr. Steiner gefahren, aber da bin ich schön angekommen. Ich wiederhole Ihnen wörtlich, was er gesagt hat: Wenn einmal einer eine eigene Initiative hat, so fallt ihm doch nicht gleich in die Parade!“

An anthroposophischen Mitarbeitern nennt Alexander von Bernus außer Rudolf Steiner, Carl Unger, Ernst Uehli, Julius Haase, H. Wohlbold, Elise Wolfram, E. A. K. Stockmeyer und Alexander Strakosch und auf dichterischem Gebiete Albert Steffen. An nicht anthroposophischen bedeutenden Verfassern von Beiträgen auf philosophischem und metaphysischem Felde werden Max Pulver und Hans Ludwig Held erwähnt.

Am Ende des Kapitels „Rudolf Steiner und die Münchener Künstler“ darf auch. noch Bruno Walter (in München von 1912 bis 1922) genannt werden. Er trat zwar in seinen Münchener Jahren in keine Beziehung zu Rudolf Steiner und der Anthroposophie, fand aber zu dieser noch im hohen Alter mit der ganzen Begeisterungsfähigkeit seiner Seele. „Es gibt kein Gebiet meines Innenlebens“, schreibt er in seinem Buche „Von der Musik und vom Musizieren“, „das nicht von der hohen Lehre Rudolf Steiners neues Licht und entscheidende Förderung empfangen hätte. Doch wage ich hier nur als Musiker zu sprechen – ich müßte mich sonst ins Grenzenlose verlieren. Als solcher aber durfte ich mit anfänglicher Verwunderung und späterer tiefer Genugtuung aus den Strahlen, die aus der anthroposophischen Lichtquelle auch auf die Musik fallen, erfahren, daß ich vom dunklen Drang meiner Jugendjahre wie vom folgenden bewußten Suchen nach Erkenntnis auf den rechten Weg gewiesen worden war, und daß die aus meinem Musikertum entstandenen Gedanken über Ursprung und Wesen der Musik vor der anthroposophischen Weltanschauung bestehen können.“


Rudolf Steiner während des Ersten Weltkriegs in München

Während des Weltkrieges konzentrierte sich die Vortragstätigkeit in besonderem Maße auf Dornach. Nach dem Weltkrieg entstand im Zusammenhang mit den Bestrebungen und Institutionen zur Dreigliederung des sozialen Organismus, der Gründung der Freien Waldorfschule und anderem auch in Stuttgart ein neuer Vortragsmittelpunkt. Von den 235 Vorträgen, die „Das Vortragswerk Rudolf Steiners“ als in München gehalten aufführt, fallen nur 30 auf die Kriegszeit von 1914 bis 1918 und zwei auf die Nachkriegszeit, nämlich das Jahr 1922.

Umgekehrt kamen aber auch einmal die Münchener zu Rudolf Steiner nach Dornach. Das war, als am 11. 8. 1919 für Münchener Ferienkinder, die in der Nachkriegszeit zur Kräftigung und Erholung als Gäste in der Schweiz weilten, in Dornach eine Eurythmieaufführung veranstaltet wurde und Rudolf Steiner zu dieser einleitende Worte sprach.

Unter den Themen der während des Krieges gehaltenen Vorträge begegnen wir besonders solchen über das Leben nach dem Tode und über das deutsche Geistesleben. So waren gleich die ersten nach Beginn des Weltkrieges im Dezember 1914 in München gehaltenen Vorträge richtungweisend: zwei öffentliche Vorträge über „Das ,Barbarenvolk‘ Schillers und Fichtes“ und „Menschenseele, Schicksal und Tod“ und ein Zweigvortrag über „Das Verhältnis der Menschen zu den Volksseelen, über Michael, den Vorbereiter des ätherischen Christus, und über die Mission des deutschen Volkes“.

München trat in dem dritten Lebensjahrsiebent der anthroposophischen Bewegung, 1916 bis 1923, das der Lösung der sozialen Aufgaben diente (siehe Wachsmuth: „Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken“), in den Hintergrund. Und doch sind auch aus der Zeit des Weltkrieges noch einige markante Namen und Ereignisse mit München verbunden.

Zu den hiesigen anthroposophischen Freunden gehörte Graf Otto Lerchenfeld, der das Majoratsgut Köfering bewirtschaftete und regelmäßig zu den anthroposophischen Veranstaltungen nach München kam. Das Bedeutende an seiner Persönlichkeit schreibt Margarita Woloschin in der „Grünen Schlange“, sei nicht an seiner Lebensführung oder an seinen Gedanken, sondern an seinem Schicksal zu erkennen gewesen. Das Schicksal von Otto von Lerchenfeld sei gewesen, in den entscheidendsten Augenblicken seinem Lehrer Rudolf Steiner nicht nur helfen zu wollen, sondern auch helfen zu können. So hat er für den Bau, der zuerst in München errichtet werden sollte, hohe Beträge gespendet. Er war es auch, der im Kriegsjahr 1917 Rudolf Steiner um Rat und Hilfe in der ausweglosen politischen Situation bat. Später, nach dem 1. Weltkrieg, als Rudolf Steiner die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ins Leben rief, stellte er seine großen Güter für die Anwendung dieser Methode zur Verfügung. „Allem, was in der Anthroposophischen Gesellschaft im Werden war,“ schreibt M. Woloschin, „schenkte er sein wärmstes Interesse und half dem einzelnen, wo er konnte.“

Graf Otto Lerchenfeld, Inhaber eines der größten bayerischen Fideikommisse, war „Reichsrat der Krone Bayern“ und hatte durch seine Stellung und den Umgang mit seinem Onkel Graf Hugo Lerchenfeld, dem damaligen bayerischen Gesandten in Berlin, tiefe Einblicke in die politischen Verhältnisse. Als er im Frühjahr 1917 wieder einmal bei seinem Onkel in Berlin weilte und mit Entsetzen den mangelnden überblick, die Unsicherheit und das Durcheinander in der politischen Führung bemerkte, wandte er sich an Rudolf Steiner, der damals in Berlin war. Dieser hörte aufmerksam zu und umriß am nächsten Tage in einer Besprechung kurz die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. „Mehr als drei Wochen tagtäglicher, stundenlanger Arbeit folgten dieser ersten Unterredung, Wochen höchsten Erlebens, höchster Anspannung, intensivsten Lernens“, schreibt Graf Lerchenfeld in seinen Erinnerungsblättern. Als Zusammenfassung des Besprochenen erhielt er von Rudolf Steiner im Juli 1917 zwei Memoranden. Graf Otto Lerchenfeld und Graf Ludwig Polzer-Hoditz, der schließlich auch noch zur Teilnahme an den Besprechungen nach Berlin gebeten worden war, traten nun mit den Memoranden an viele der führenden Persönlichkeiten in Deutschland und Österreich heran. Graf Lerchenfeld berichtet über die Erfahrungen, die er dabei machte, folgendes: „Abgesehen von der höflichen Verständnislosigkeit der vielen konnte man bei einer Reihe von ernsten Männern einem guten Verständnis begegnen für diese oder jene Einzelheit der umfangreichen Materie, fast nie jedoch einem solchen für die Idee selbst und ihre unmittelbaren Wirkungsmöglichkeiten auf das Geschehen der Zeit – als wäre kein rechtes Organ vorhanden für bisher Ungedachtes, im gewohnten Gedankenablaufe nicht Vorhandenes.

Bei einigen der bedeutendsten Funktionäre, die die Fähigkeit zu einem Begreifen zweifellos in hohem Maße gehabt hätten, lag der Grund dieses Nichtsehenkönnens in einer, man darf wohl sagen, allgemeinen Zeiterscheinung, die geeignet ist, in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten allerschwersten Schaden anzurichten, nämlich in einer solchen Arbeitsüberlastung, einer derartigen Inanspruchnahme von Zeit und Kraft dieser Männer durch Unwesentliches, daß sie nicht mehr in der Lage waren, sich auf das Wesentliche, auf die wichtigsten allgemeinen Gesichtspunkte, auf die große Linie zu konzentrieren.

Bei anderen wiederum erlebte man, wie sie restlos einem jeden einzelnen Satze zustimmten, solange man sprach. Dann aber am Schluß kam etwas wie ein Flimmern in die Augen, etwas wie ein Angstgefühl: Der Wille konnte dem Denken nicht mehr folgen, und es entstand Furcht, Furcht wie vor dem Ertrinken.... Von denen, die nicht durften, will ich hier nicht reden. Eines jedoch war fast allen gemein, das Fehlen des starken, produktiven Willens.“

Graf Lerchenfeld sprach oft mit A. Strakosch über seine Bemühungen. Ein Ereignis machte dabei auf diesen einen besonderen Eindruck. Er erzählt es in seinem Buche „Wege mit Rudolf Steiner“: „Graf Lerchenfeld hatte mit Rudolf Steiner gesprochen, wie er in einer bevorstehenden Sitzung des Kronrates das Erarbeitete vorbringen sollte. Die Sitzung wurde verschoben, wohl wegen eines der Frontbesuche des Königs.... Nach einigen Monaten sollte dann diese Sitzung wirklich stattfinden. Lerchenfeld hatte sich wieder vorbereitet, fuhr aber vorher aus einem richtigen Gefühl nach Berlin zu Rudolf Steiner und sagte, daß er die Sache nun so, wie sie seinerzeit besprochen wurde, vorbringen wolle. ,Was fällt Ihnen denn ein!' sagte Rudolf Steiner. Lerchenfeld erinnerte daran, daß das doch so besprochen worden sei. 'Aber sehen Sie denn nicht, was inzwischen in der Welt vorgegangen ist? Das müssen wir jetzt anders machen.‘ – Solche lehrreichen Beispiele von Wachheit und Genauigkeit hat uns Rudolf Steiner öfter erleben lassen. Jeder seiner Aussprüche und Entschlüsse beruhte auf einer tatsächlich vollbewußten Erfassung alles dessen, was zur augenblicklichen Lage gehörte.“

Im August 1917 machte Graf Ludwig Polzer-Hoditz auch seinen Bruder, den damaligen Kabinettschef des Kaisers Karl von Österreich, mit den sozialen Grundgedanken Rudolf Steiners bekannt. Der Kabinettschef, der selbst der Anthroposophie ferne stand, studierte die erhaltene Denkschrift eingehend und gewann, wie er in seinen Memoiren schreibt, den Eindruck, „daß es sich um einen Vorschlag handele, der - zum Unterschied von so vielen anderen – den praktischen Bedürfnissen der anbrechenden Zeit voll Rechnung trug ... “ „Ich glaubte zu erkennen“, schreibt er, „daß der dem System zugrunde liegende Gedanke im allgemeinen ein richtiger sei, und so schloß ich daraus, daß seine Realisierung – mag sie auch noch so schwierig sein – objektiv möglich sein müsse. Hierzu hätte es aber der überzeugten Mitarbeit der Völker bedurft. Es wäre also vor allem notwendig gewesen, dem Großteil der Menschheit die Überzeugung von der Richtigkeit des Gedankens zu übermitteln. Es genügt nicht, einen an sich richtigen Gedanken zu fassen, man muß für dessen Verwirklichung die breiten Massen gewinnen und ihn so aus dem Reich des Ideellen auf den festen Boden der Wirklichkeit verpflanzen. Ich hatte aber von vornherein die Empfindung, daß die Idee der Dreigliederung, gerade weil sie aus der Geisteswelt hervorgeholt war und die endgültige Absage an die althergebrachten Zustände, Begriffe und Denkgewohnheiten bedeutete, nahezu allgemein abgelehnt worden wäre, zumal in einer Zeit, zu der man – wie dies im Jahre 1917 noch der Fall war – meinte, man werde von den Gewohnheiten nicht allzuweit abrücken müssen.“ Er konnte sich nicht zum Handeln entschließen und trug dem österreichischen Kaiser die Gedanken Rudolf Steiners erst in seiner Abschiedsaudienz am 22.11.1917 vor. Die „althergebrachten Zustände“, die keine „endgültige Absage“ erhielten, gingen dem Zusammenbruch entgegen.

Am 19. und 20. Mai 1917 hatte Rudolf Steiner in München zwei Vorträge für Mitglieder über das Thema „Gesetze der Menschheitsentwicklung“ gehalten, in welchen er auch über die Ideen der Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit sprach. „Es war wie ein Präludium“, bemerkt A. Strakosch, „wie eine Vorbereitung zum Verstehen des Dreigliederungsimpulses von der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, der Freiheit im Geistesleben und der Gleichheit im Rechts- und politischen Leben.“

Im Februar 1919 richtete dann Rudolf Steiner seinen „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“. Dieser Aufruf wurde in kurzer Zeit von einer großen Anzahl bekannter Persönlichkeiten, darunter auch von zahlreichen prominenten Vertretern des Münchener künstlerischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unterzeichnet.

Rudolf Steiner hat in dem Aufruf den Weg gezeigt, um in Deutschland ein soziales Gebilde herzustellen, das sich in der Welt hätte halten können. Er wurde nicht gehört, und was in den letzten Worten des Aufrufs ausgesprochen worden war, hat sich bewahrheitet: „Entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte vermehren.“

Graf Otto Lerchenfeld bemühte sich, als 1918 die Katastrophe eingetreten war, aufs neue die Dreigliederungsideen an die richtigen Kreise heranzubringen. Jetzt sprach er darüber nicht mehr (vergeblich) zu den Vertretern des kaiserlichen Deutschlands und Österreichs, sondern in München in einer kleinen Wirtschaft zu einfachen Arbeitern und fand dort große Aufgeschlossenheit. „Hier war Wille, starker, opferfreudiger Wille, aber ein Wille ohne eigentliches diesen Menschen bewußtes Ziel, der ins Leere verpuffen mußte. Unklar und chaotisch lebte in ihrem Denken, was auf Karl Marx zurückgeht.... Es waren schönste Stunden, die ich unter diesen einfachen Menschen sitzend verbringen und von ihren sorgenentrungenen Fragen ausgehend vor sie hinstellen durfte, was sich als Antworten aus dem ergab, was Rudolf Steiner, mir vertraut hatte... “ Lerchenfeld fragt sich, wie es sich vereinbaren lasse, daß ein Mensch aus einer Idee heraus zu allen, Fürsten wie Arbeitern, sprechen konnte, und gibt sich selbst die Antwort: weil die Idee der Dreigliederung nichts mit Parteimeinung und Parteiwünschen, aber auch nichts mit der Staatsform zu tun hat. Daraus und aus ihrem Geist heraus ergibt sich zugleich, daß sich diese Idee nie auf dem revolutionären Wege durchsetzen kann, sondern nur auf Grund menschlicher Einsicht und menschlichen Wollens. Hinter dem Proletariate aber stand die Partei mit ihren Parteidogmen und Schlagworten, standen die Führer. Selbst dann, wenn sie aus dem Proletariate hervorgegangen waren, zeigten sich diese Führer durchaus bürgerlich.“

In einem zu Johanni 1959 in den „Mitteilungen aus der Anthroposophiscben Arbeit in Deutschland“ erschienenen Aufsatz schildert Hans Kühn „Rudolf Steiners Bemühungen zur Verhinderung der deutschen Katastrophe.“ Von diesen aufschlußreichen, sehr konkreten Mitteilungen sei an dieser Stelle – im Zusammenhang mit München – nur eine wörtlich wiedergegeben:

„In der Dreigliederungszeit 1919 hatte Rudolf Steiner mit verschiedenen wichtigen Persönlichkeiten Zusammenkünfte, die ich ihm vermitteln konnte; so z. B. mit Robert Bosch, dem Begründer der Firma, Kurt Eisner, dem damaligen Ministerpräsidenten der bayerischen Räterepublik, welcher kurz darauf in München erschossen wurde, mit dem Pazifisten Professor Wilhelm Förster, der deutscher Gesandter in Bern war. Da ich diesen Besprechungen beiwohnte, kann ich bestätigen, daß Rudolf Steiner zu meinem Erstaunen zuerst immer über die Notwendigkeit einer Darstellung des Kriegsausbruches sprach, weil er Hilfe suchte für eine rechtzeitige Veröffentlichung dieser Vorgänge. Von Eisner erwartete er die Bekanntgabe mancher Dokumente, die ebenfalls den Friedenswillen Deutschlands belegen konnten, so zum Beispiel die Tatsache, daß kurz vor Ausbruch des Krieges große Munitionsbestellungen annulliert worden waren.“

Albert Steffens „Tagebuchnotiz zu einem welthistorischen Wendepunkt“ in „Begegnungen mit Rudolf Steiner“ möge, wiewohl zeitlich etwas zurückgreifend, dieses Kapitel beschließen: „Rußland hatte den Kriegszustand mit Deutschland aufgehoben, nachdem vorher der Bolschewismus proklamiert worden war. Kurz darauf, am 14. Februar 1918, begann Rudolf Steiner mit seinen Vorträgen im „Reich“, einem Versammlungssaal in Schwabing, den Alexander von Bernus zur Verfügung stellte. An diesem Tage sprach er über die Verbindung der Lebenden mit den Gestorbenen. Am nächsten Tag über das Sinnlich-Übersinnliche in der Kunst. Der erste Vortrag war für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, der zweite öffentlich. In diesem war das damals maßgebende literarische und künstlerische München anwesend. Fast alle verhielten sich ablehnend, wie ich von meinen Platz aus, auf das peinlichste berührt, beobachten konnte, und betrugen sich sogar unartig.

Der folgende Zweigvortrag, der auf die Epoche von 1841 bis 1879 und auf die Auswirkungen des theoretischen Materialismus bis zur russischen Revolution hinwies, deutete auf die kommende Katastrophe. Nachdem sich die Zuhörer schon gesetzt hatten und die Saaltüren geschlossen worden waren, kam Rudolf Steiner auf mich zu und begann ein Gespräch. ,Es geht und geht nicht, daß die Geisteswissenschaft aufgenommen wird', die böswillige Kritik in den Münchener Zeitungen über seinen letzten Vortrag erwähnend. ,Wir stehen vor einem furchtbaren Zusammenbruch.‘ ... Wie hat sich seither sein Wort, ,Der nicht aufgenommene Geist findet sein Gegengewicht in der Vergießung von Blut‘, so entsetzlich erfüllt.

Die damals herrschende Stimmung suchte ich in meiner Novelle „Der Pestnebel“ wiederzugeben. In den Zeitungen las man die Beute, welche Deutschland durch den Waffenstillstand im Osten zufiel. Ich notierte sie: 2400 Geschütze, über 5000 Maschinengewehre, unzählige Millionen Schüsse, die jetzt der Entladung nach Westen dienen sollten, viele Tausende Lokomotiven und Eisenbahnwagen usw. Die Besiegten aber fühlten sich keineswegs als Unterlegene, denn sie kannten die Sprengkraft und Tragweite ihrer Ideen, die sich wie ungeheure Gewitterwolken gegen Westen verbreiteten.

Was ihnen vom Geist her entgegengesetzt werden konnte, wurde verschmäht. Der unsägliche Schmerz darüber stand in Rudolf Steiners Antlitz. Das Unheil nahte mit Golemschritten.

Im Westen setzte die Gasoffensive ein. Wilhelm II. telegrafierte an die Kaiserin: „Wir siegten durch Gottes Gnade.“

Ein ephemerer Sieg, der nicht ein Sieg der Menschen war, sondern des entgöttlichten Elementes. Luft, das Kleid, die Hülle, der Hauch Gottes, ist mit Todeskraft erfüllt, vergiftet, ahrimanisiert .... “


Die letzten Vorträge

In den letzten Jahren 1921 und 1922 riefen die Wirksamkeit Rudolf Steiners in der Offentlichkeit, insbesondere seine zunehmende Vortragstätigkeit, durch die brennende Gegenwartsprobleme aufgegriffen wurden, das wachsende Interesse, das ihr in weiten Kreisen entgegengebracht wurde, das Hervortreten des Wissenschaftscharakters der Anthreposophie und die Verbreitung der anthroposophischen Literatur die Gegner immer mehr auf den Plan. Man schreckte vor Verleumdungen nicht zurück. Im Jahre 1922 entfaltete Rudolf Steiner seine größte Wirksamkeit nach außen. Höhepunkt war der sogenannte Ost-West-Kongreß in Wien, wo er zwölf Tage lang jeden Abend vor über zweitausend Menschen sprach. In diesem Jahr erhob aber auch die Gegnerschaft am wütendsten ihr Haupt, bis hin zu der Brandstiftung, der das Goetheanum in der Sylvesternacht 1922 zum Opfer fiel.

Für die hemmungslose Hetze gegen Rudolf Steiner seien einige Proben aus einem Artikel über Anthroposophie in den „Münchener Neuesten Nachrichten“ vom 18.5.1922 (Abendausgabe) gegeben. Der Artikelschreiber warnt die Verführten; Praxis und Person Rudolf Steiners seien hundertfältig bloßgestellt worden, Männer, die der falsche Prophet gewinne, stellten sich von der Stunde ihres Anschlusses aus der Reihe derer, die man ernst nehme. Das letzte Ziel der Anthroposophie sei eine gnostische Weltkirche, die um ihren Christus-Mythus einen Bau von antichristlichen Dogmen ziehe. Da gebe es weder Unsterblichkeit des Einzelgeistes noch Gnade, da lägen auch die Tafeln von Recht, Gesetz und Sittlichkeit zertrümmert zu Boden, Steiners letzte Weisheit sei die ranzige Idee von der Selbsterlösung. Was Steiner dem „Patron des Goetheanums“ angetan habe, habe dieser selbst mit Humor vorausgesagt: „Den Teufel spürt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.“

Schließlich werden auch die nationalen Leidenschaften aufgeputscht. „Der theosophische Weltbürger fühlt sich auf Sonne, Mond und Sternen daheim, was Wunder, wenn er auch das Land seiner Wiege, und wäre es ein Land des Jammers geworden, den Ausgeburten einer exotischen Phantasie zum Opfer der Gemeinde dieses sozialen Dreigliederers noch bringt ... Ist es niemals aufgefallen, daß sein Spukprogramm nicht einen Hauch von Liebe spüren läßt?“ Hier wird zur rechten Zeit die Bibel zitiert. Dann wird fortgefahren: „Und fühlt sie nicht, daß Mensch und Volk verloren sind und alle hohen Güter, wo der Ehrfurcht kein Geheimnis mehr belassen bleibt?“ Nebenbei wird die Chance ausgenützt, durch die unwahre Bemerkung, Rudolf Steinei sei Ungar, Stimmung zu machen. Der Artikel schließt mit folgenden Worten: „... Wer gar den Meister selbst endlos in Worten kramen hört und zu Tod gelangweilt zu den Großen flüchtet, die da wissen, daß sie nichts wissen, der mag sich selig preisen, daß er noch den Armen am ,Geiste‘ zugehört.“

Die große Berliner Konzertagentur Sachs & Wolff hatte Rudolf Steiner gebeten, eine Vortragsreise durch Deutschland organisieren zu dürfen. Auf diese Weise sprach er vom 16. bis 31. Januar 1922 vor überfüllten Sälen in zwölf Städten über „Das Wesen der Anthroposophie“ und „Anthroposophie und die Rätsel der Seele“ am 16.1. in München. G. Wachsmuth schreibt hierüber, der Besucherstrom sei so groß gewesen, daß Hunderte von Eintrittbegehrenden wegen Überfüllung keinen Platz mehr finden konnten, und daß der Vortrag bei der aus allen Volks- und Bildungsschichten zusammengesetzten Zuhörerschaft das intensivste Interesse und einen starken Eindruck erweckt habe.

Eine zweite große, wiederum von der Berliner Konzertagentur organisierte, öffentliche Vortragsserie führte Rudolf Steiner im Mai 1922 in neun Städten Deutschlands über das Thema „Anthroposophie und Geisteserkenntnis“ durch. Für den 15. Mai 1922 war der Vortrag in München angekündigt. Eine hiesige Tageszeitung hatte einige Tage vorher Rudolf Steiner scharf angegriffen und geschrieben, es würden sich hoffentlich deutsche Männer finden, die es verhinderten, daß dieser Herr den Boden Münchens betrete.

Dr. Hans Büchenbacher traf energische Sicherheitsvorkehrungen. Er sammelte mehrere jüngere Mitglieder als Schutzwache. Sie sollten in den vordersten Reihen des Vortragssaales im Hotel „Vier Jahreszeiten“, in dessen Vorraum beim Treppenaufgang, in dem kleinen Raum mit der Schalteranlage für die Saalbeleuchtung und an anderen geeigneten Stellen Posten beziehen. Außerdem ließ er durch den Münchener Vertreter des Konzertbüros eine Anzahl Boxer und Ringer engagieren, was unter den damaligen Verhältnissen nichts Ungewöhnliches war.

Rudolf Steiner kam am Morgen um 8 Uhr nach durchreister Nacht hier an. Auf dem Wege zum Hotel schilderte Hans Büchenbacher die Lage und sagte, um seine Ansicht befragt: „Gewiß können wir die Anthroposophie nicht in Saalschlachten vertreten, aber einmal sollten wir erproben, ob die Gegner wirklich mit Gewalt – die schlimmsten Möglichkeiten mit eingeschlossen – gegen uns vorgehen würden, damit wir nicht nur auf Drohungen hin auf seine, Dr. Steiners, Vortragstätigkeit in Deutschland verzichteten.“ Rudolf Steiner sagte darauf, es werde wohl so weit kommen, daß er in Deutschland nur noch in dem (damals) von den Franzosen besetzten Rheinland werde sprechen können. In der Polizeidirektion erfuhr Büchenbacher, den Rudolf Steiner begleitete, zunächst, daß alle verfügbaren Polizisten für eine große Ausstellung auf der Theresienwiese gebraucht würden. Seine Erklärung, daß er dann mit seinen Leuten selbst den Saalschutz übernehmen und die kommende Saalschlacht gewinnen werde, bewirkte aber, daß zehn bis zwölf Polizeibeamte abgestellt wurden.

Der Vortrag war ausverkauft. Als Rudolf Steiner bereits längere Zeit gesprochen hatte, ging plötzlich das Licht im Saal aus. Nur unterhalb des Rednerpultes brannte die kleine Lampe des Stenografen weiter. Ohne im geringsten beirrt zu sein, sprach Rudolf Steiner mit größter Geistesgegenwart und Sicherheit ruhig weiter. Die Nachschrift des Vortrags läßt die Störung nicht erkennen.

Die Beleuchtung im Saal wurde wieder eingeschaltet. Um auch noch vom Vortrag etwas zu hören, hatten die jungen Wächter, in der Meinung, es werde nichts mehr passieren, den Schalterraum verlassen. Sie waren inzwischen schleunigst in diesen zurückgekehrt und hatten von dem Schalter wieder Besitz ergriffen. Rudolf Steiner konnte seinen Vortrag ohne weiteren Zwischenfall zu Ende führen.

Als er jedoch danach für den lebhaften Beifall gedankt hatte und zum zweiten Mal zum Künstlerzimmer zurückging, brach der von den Gegnern bestellte und bereits für einen früheren Zeitpunkt vorgesehene Tumult los. Von der rechten Seite stürmten die Angreifer auf das Podium, von der linken Seite und von der Mitte stürzten die Freunde ebenfalls auf die Bühne und hinderten die Angreifer, bis zu Rudolf Steiner vorzudringen. Es kam zu einem lebhaften Handgemenge, in dem die Freunde bald die Oberhand gewannen. Die Ordnung wurde wieder hergestellt.

Demonstranten zogen nach dem Vortrag geschlossen durch die Maximilianstraße und sangen das Kriegslied „Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen.“ Die „Münchener Zeitung“, die von dem Vortragsabend nur der Tumult interessierte, schließt ihren Bericht vom 16.5. mit der Feststellung, daß einzelne junge Leute zum Bahnhofplatz gezogen seien und vor einem Flaggenmast das deutsche Flaggenlied gesungen hätten.

Das Abendessen nahm Rudolf Steiner mit einem Kreis von Freunden nicht im Restaurant des Hotels, sondern in einem der oberen Gemächer ein, schlief auch in einem anderen als dem für ihn reservierten Zimmer. Am nächsten Morgen fuhr er schon vor 6 Uhr mit einem Personenzug nach Augsburg und bestieg erst dort den Schnellzug nach Mannheim, wo er abends den nächsten Vortrag zu halten hatte. Er sprach danach noch – über das gleiche Thema – in Elberfeld, wo es kleine Störungen gab, Köln, Hamburg, Bremen und Leipzig. „Es waren dies“ bemerkt H. Büchenbacher, „die letzten Vorträge, die Dr. Steiner in Deutschland in voller Öffentlichkeit halten konnte, denn die Hetze der Gegnerschaft wuchs weiter an. Daß sein öffentliches Wirken in Deutschland damals verhindert werden konnte, war kennzeichnend für diejenige Geistesart, die in den nächsten Jahrzehnten mehr und mehr besonders für das Schicksal Deutschlands, aber auch das der Welt in so furchtbare Weise bestimmend wurde.“

Die Antwort der „Münchener Neuesten Nachrichten“ auf den Vortrag vom 15.5.1922 war der einige Tage später – am 18.5.1922 – auf der ersten Seite erschienene, bereits charakterisierte üble Artikel „Anthroposophie“.

Wenige Tage nach dem Vortrag Rudolf Steines veranstaltete die damalige „Bayerische Mittelpartei“ im Wagnersaal eine Gegenversammlung, in der der Organisator der Deutschnationalen Partei in Württemberg, der Generalsekretär B. R. aus Stuttgart, mit dem „Hochverräter“ Steiner „abrechnete“ und dafür tosenden Beifall erntete. Über diese „Abrechnung mit Steiner“ berichteten die „Münchener Neuesten Nachrichten“ am 19.5.1922 ausführlich und tendenziös. Diese Versammlung kam, während einige Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft nur unter Lebensgefahr und mit Hilfe der Polizei das Haus verlassen konnten, zuletzt auch zu einer Entschließung, nämlich der, daß – so berichtet die Zeitung – die Einziehung der schwarz-rot-goldenen Fahne am Bahnhof gefordert wurde.

Die Veranstalterin der Vortragsreise Rudolf Steiners, die Berliner Konzertagentur Wolff, teilte auf Grund ihrer Informationen mit, daß sie für die Sicherheit des Vortragenden keine Garantie übernehmen könne. In einem am 23.5.1922 in Stuttgart gehaltenen Mitgliedervortrag wies Rudolf Steiner darauf hin, daß jedesmal, wenn in der Menschheit die Spiritualität aufgetreten sei, die Feindschaft der Gegner dieser Spiritualität auch aufgetreten sei, und daß das, was jetzt in radauhafter Weise als Hetze gegen die Anthroposophie auftrete, doch nur das äußere Produkt der unwahrhaftigen Hetze sei, die von den dahinterstehenden, oftmals als sehr geistig angesehenen Persönlichkeiten seit Jahren betrieben werde. Manches, was in wissenschaftlichen Kreisen auftrete, habe durch seine innerliche Unwahrhaftigkeit, durch den mangelnden Willen wirklich einzudringen, sein redlich Teil dazu beigetragen, daß heute jene, „die mit verbundenen Augen in den Kampf hineingetrieben werden, in einer etwas radauhaften Weise und Hetze gegen Anthroposophie auftreten.“


Nachwort

Die frohe Isarstadt“, schreibt Marie Steiner im August 1925 im „Nachrichtenblatt der Anthroposophischen Gesellschaft“, „sie hatte einst ein Wehen der Freiheit um sich und der Liebenswürdigkeit, die einen unendlichen Zauber um sie breitete ... Ich sehe noch Rudolf Steiners elastischen Gang, sein freundliches, gütiges Lächeln, wenn wir in den Straßen Münchens einhergingen, bald hier, bald dort einkehrend, wo es etwas zu entdecken gab. Vor den Auslagen der Bücherstände blieben wir am öftesten stehen.... Bei den Antiquaren hielten wir uns viel auf ... Reizend war der Ton Rudolf Steiners im Verkehr mit den Menschen: herzlich, menschlich-umschließend.. . Größe und Schlichtheit, Güte in jeder Bewegung: So gab er sich den anderen, wer sie auch waren.“

„... Diesem Genius der Stadt konnte man in seinen zufälligen Auswirkungen immer wieder begegnen. Dazu brauchte man in München nicht Beziehungen zu Künstlerkreisen. Dort herrschte viel Snobismus und dekadentes Getue. Die Atmosphäre der Stadt, die glücklicherweise noch nicht die Dimensionen und Härten der Großstadt hatte, barg Gesundheit, Anmut und freie Frische und jenes unmittelbare Etwas, das weckend und befreiend wirkt: den künstlerischen Pulsschlag. – Ist er jetzt erstickt? ... Den Geist weist man nicht ungestraft zurück. –“

Das war ernst und nicht ohne Bitterkeit im Jahre 1925, dem Todesjahre Rudolf Steiners, geschrieben – lange vor 1933, lange vor dem 2. Weltkrieg, lange vor der Gegenwart mit ihrem ohnmächtigen Kulturbetrieb.

„Wir haben höchstens Gedanken von dem Geist, Ideen von dem Geist, aber der Geist lebt nicht unter uns“, hatte Rudolf Steiner in dem Münchener Vortrag vom 15.5.1922 gesagt. „Wir müssen durch eine Vergeistigung unseres Gedankens, durch eine Verlebendigung des toten Gedankens den Geist als Genossen unseres Strebens in der Gegenwart und Zukunft suchen. Das und nichts anderes will anthroposophische Weltenforschung, wollen die anthroposophischen Wege, die da hinführen wollen aus der physischen Welt in die geistige Welt hinein zum Heil und inneren wahren Erleben der umfassenden Wirklichkeit, die nicht nur eine physische, sondern auch eine geistige ist.“

Rudolf Steiner war ein umfassender und freier Geist. Alles Sektiererische lag ihm fern, und wo er derartige Neigungen in Mitgliederkreisen antraf, bekämpfte er sie, ebenso wie den Autoritätsglauben. „Mit dem Autoritätsglauben geht es bei uns gar nicht, nur mit dem Aneignen eines freien selbständigen Urteils. Denn nichts von dem, was gesagt wird auf geisteswissenschaftlicheni Gebiet, kann generalisiert, verallgemeinert werden, alles gilt individuell, alles gilt im Konkreten für den besonderen Fall.“ So sprach Rudolf Steiner in einem am 2. Mai 1918 in München gehaltenen Mitglieder-Vortrag, und er schloß diesen Vortrag mit der Aufforderung, „den Übergang zu gewinnen von den behaglichen Sektierern zu dem weltmännischen Blick, zu dem Wirken auf dem Weltenplan, zum Heraustragen der Geisteswissenschaft aus den vorderen und hinteren guten Stuben auf jene Plätze hinaus, auf denen man glaubt, die Angelegenheiten der Menschheit verhandeln zu müssen.“

Möge es dieser Schrift gelungen sein, ein Bild davon zu vermitteln, wie stark und zukunftweisend der Geist in dieser Stadt gewirkt hat, und ein Bewußtsein unserer Dankesschuld gegenüber Rudolf Steiner zu wecken!

Haus Adalbertstraße 55. Im Paterre, links, waren die Zweigräume. Die Wohnung von Stinde/Kalckreuth waren im 3. Stock, rechts.

Zeitungsartikel über das Haus in der SZ >>>

Planzeichnung des Atelierhauses in der Adalbertstraße 55. Das Haus wurde im Krieg zerstört und dann wieder aufgebaut.