Ludwig Kleeberg
Kleeberg, Ludwig

Altphilologe, Studienrat.

*05.11.1885 Kassel (Deutschland)
†13.03.1972 Arolsen/Hessen (Deutschland)



Ludwig Kleeberg regte früh die Kontaktaufnahme der studentischen Jugend mit der Theosophischen Gesellschaft und mit Rudolf Steiner an. Sein Erinnerungsbuch „Wege und Worte – Erinnerungen an Rudolf Steiner aus Tagebüchern und Briefen“ unterrichtet persönlich und anschaulich über die Frühzeit der spirituellen Bewegung.

Ludwig war der einzige Sohn des Uhrmachers Ernst Kleeberg und seiner Ehefrau Barbara Eva. Er besuchte das Kgl. Friedrich-Gymnasium in Kassel und studierte ab 1904 klassische Philologie an den Universitäten München und Marburg. Nach einer Unterbrechung des Studiums aus wirtschaftlichen Gründen konnte dies dank eines mehrjährigen Stipendiums der theosophischen Freunde ?Sophie Stinde und ?Ludwig Noll weitergeführt werden. Unabhängig von den für den Lehrberuf geforderten Fächern, belegte er ein Seminar in Sanskrit, in dem er der einzige Hörer war. Das Staatsexamen legte er 1910/11 in Marburg ab und nahm den staatlichen Schuldienst auf – bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1950. Er nahm am Ersten Weltkrieg als Infanterist teil, bis er 1917 wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit entlassen wurde. 1919 heiratete er Luise Maschmeier. Sie stammte wie er aus Kassel und war als Auslandskorrespondentin bei der Kasseler Heißdampf-Schmidt tätig gewesen, die von einer anthroposophisch orientierten Familie betrieben wurde. Sie hatten drei Kinder.

Während seiner langjährigen Berufstätigkeit als Griechisch- und Lateinlehrer – er unterrichtete auch Geschichte und Religion – wurde er viele Male versetzt, vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil er ein unbequemer Staatsdiener und „Kollege“ war.

Kleeberg war der erste Repräsentant der theosophisch-anthroposophischen Studentenarbeit, als er sich 1904 mit dem Vorhaben, eine „Akademische Theosophische Vereinigung“ (A.Th.V.) zu gründen, an Marie von Sivers (?Marie Steiner) wandte. Durch einen Freund, Hans Bunge, wurde er auf die Theosophische Gesellschaft aufmerksam, nachdem er bereits als 17-jähriger Schüler von der asiatischen Weisheit, vom Buddhismus und Brahmanismus fasziniert war. Nach einer längeren Korrespondenz mit Marie von Sivers fand die erste persönliche Begegnung mit Rudolf Steiner am 21. November 1904 in München statt. Kleeberg wurde am 15. Juni 1905 Mitglied der von Sophie Stinde und ?Pauline Gräfin von Kalckreuth geleiteten Loge (Zweig) in München, wenngleich er zu dieser Zeit bereits in Marburg studierte.

Die Bemühungen um eine Verwurzelung und Ausbreitung spirituellen Gedankengutes in der damaligen Studentenschaft der genannten Universitäten trugen nur geringe Früchte. Nach dem einzigen von Rudolf Steiner in Marburg gehaltenen Vortrag, bei dem ca. 20 Personen zugegen waren, sagte Steiner bei der Abreise, es sei wohl nicht gelungen, Marburg theosophisch zu infizieren. Ähnlich enttäuschend waren wohl auch die Bemühungen Kleebergs und seines Freundes Bunge in München gewesen. Ein herausragendes Erlebnis muss für ihn die Teilnahme an dem Theosophischen Kongress im Sommer 1907 in München gewesen sein, bei dem auch Annie Besant zugegen war. Seinem angeborenen Dokumentationsdrang sind aus diesen frühen Jahren wichtige Vortragsnachschriften und eine Fülle von Gesprächsdokumentationen zu danken, die er in Langschrift notierte.

Um einen Freund nicht unbegleitet zu lassen, wendete sich Kleeberg 1910/11 der katholischen Kirche zu und wurde am 13. Dezember 1911 feierlich in sie aufgenommen.

Drei Monate zuvor war er aus der Theosophischen Gesellschaft ausgetreten. Dies bedeutete für ihn jedoch keinen Bruch mit Rudolf Steiner und im Jahre 1918 trat er wieder in die nunmehr Anthroposophische Gesellschaft ein.

Das Äußere Ludwig Kleebergs wirkte gnomenhaft. Auf der kleinen Statur saß ein großer Kopf mit wirrem, rötlich blondem Haar. Die sehr starken Brillengläser gaben dem Antlitz eine eigenartige Prägung, als habe man es mit einem klugen, auch pfiffig-witzigen Zwergengeist zu tun. Er liebte einen ironisch-sarkastischen Humor. Seine Kleidung entsprach den finanziell beengten Verhältnissen von Studienräten, die damals Fahrrad fuhren. Doch fehlte nie die Krawatte mit der goldenen Schlipsnadel und die Taschenuhr an der Kette.

Es war wohl schwer für ihn, die Ausbreitung der anthroposophischen Bewegung und deren „Objektivierung“ zu verkraften. Dass viele jüngere und begabte Menschen zu Rudolf Steiner stießen und er dadurch – wie er wohl empfand – für seinen Lehrer in den Hintergrund trat, muss ihn beschäftigt haben. Er hatte einen Schuss Querulantentum in sich. Diese eine der beiden Seelen, die in seiner Brust wohnten, lebte neben einer ganz anderen. Sie zeigte sich beispielsweise in seiner intensiven Musikalität; er spielte hervorragend Klavier und war insbesondere ein Wagner-Liebhaber. Oder in seiner mystischen Natur, seiner ohne allen Zweifel tief innerlich versteckten Geistsuche. Phänomenal war sein Gedächtnis: Man hatte das Gefühl, aus dem Gedächtnishimmel, der sich als dieses große Haupt auf dem kleinen Körper wölbte, fallen die Erinnerungen ständig wie Sternschnuppen herab.

Das Eigenwillige, Originale, das durchaus kritische, mitunter auch beißende Urteil – erhellt und erweitert durch Geisteswissenschaft – musste ihn zum Gegner des Nationalsozialismus machen. Seinen Schülern stellte er u. a. die Quizfrage: „Was ist der Unterschied zwischen Plutokraten und Kratopluten? – Die Ersteren kommen durch Reichtum zur Macht; die Letzteren [die Nazis waren gemeint] durch Macht zu Reichtum.“ Die Folge war natürlich, dass Kleeberg zwar nicht verhaftet, aber bei der obersten Schulbehörde in Kassel strengen Verhören unterworfen wurde – mehrere Tage lang. Bei diesen Vernehmungen stellte sich die Skurrilität dieses Mannes heraus, man fand ihn wohl doch gerade noch harmlos genug, um ihn wieder laufen zu lassen. Nach dem Kriege wurde Kleeberg als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt und oftmals von den Entnazifizierungsausschüssen als Zeuge bestellt.

Kleeberg war Nonkonformist in jeder Beziehung. Der Umgang Rudolf Steiners mit ihm zeigt, dass dieser nicht nur ein Philosoph der Freiheit war, sondern ein Mensch, der freilassen konnte.

Klaus Dumke


Werke: Deutschtum und Christentum, Jugend und Politik, Breslau 1922; Wege und Worte – Erinnerungen an Rudolf Steiner aus Tagebüchern und Briefen, Basel 1928, Stuttgart ³1990; Der Zweig Kassel der Anthroposophischen Gesellschaft, Korbach 1954; diverse Zeitschriftenabhandlungen in fachwissenschaftlichen und Kulturzeitschriften zu historischen, kulturhistorischen und philosophisch-religiösen Themen; Beiträge in BeH, BfA, DD, MaB, MaD.
Teile des anthroposophischen Nachlasses von Ludwig Kleeberg sind im Archiv am Goetheanum.
Literatur: Groddeck, W.: Zu neuen Bänden der Rudolf Steiner Gesamtausgabe, in: BGA 1968, Nr. 23; Bock, E.: Briefe, Stuttgart 1968; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Todesnachrichten in: MaD 1972, Nr. 102; Groddeck 1980; Lindenberg, Chronik 1988.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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